David Lynch ist ein vielseitiger Mann. Verantwortlich für Filme wie The Elephant Man, Blue Velvet, Wild at Heart, Lost Highway und Mulholland Drive – Straße der Finsternis ist er ein gefragter und gefeierter Filmregisseur geworden.
Sein letzter Film Inland Empire liegt allerdings schon ein paar Jahre zurück. 2006 wurde der Psychothriller veröffentlicht. Seitdem trat David Lynch eher in anderen Medien in Erscheinung. 2009 begann er sein Interview Project, für welches er durch Amerika reiste, um ganz normale Menschen zu interviewen. Im selben Jahr fertigte er auch einige Kunstwerke für die Bebilderung des Booklets zum Musikalbum Dark Night of the Soul von Sparklehorse und Danger Mouse an. Jetzt allerdings scheint sich der Regisseur wieder dem Film widmen zu wollen: So reist Lynch derzeit durch Indien, um eine Dokumentation über Maharishi Mahesh Yogi vorzubereiten.
Maharishi war auch über dreißig Jahre Lynchs Yogi. Der Erfinder der Transzendentalen Meditation (TM) verstarb vorletztes Jahr in Holland. Seit 2005 wird die TM-Organisation von Lynch und seiner David Lynch Foundation for Consciousness-Based Education and World Peace unterstützt. Die Stiftung vergibt Stipendien zum Erlernen der TM, wirbt für den Bau von „Unbesiegbarkeits-Universitäten“ und propagiert ein auf Bewusstseinsbildung gegründetes Bildungs- und Erziehungswesens. Inwieweit TM Teil von Lynch´s künstlerischer Strategie ist und wie sehr Lynch versucht, seine Prominenz für TM einzusetzen, ist eine offene Frage. Bei der Preisvergabe des Kaiserings 2010 an Lynch wurde sie wieder nicht gestellt.

Ohne Titel (Selbstporträt), ohne Jahr, Fotografie, H 27,9 x B 35,3 cm, im Besitz des Künstlers, © David Lynch
Lynch reiste letzthin auf Werbetournee durch Deutschland, wollte ein größeres Waldgrundstück auf dem Teufelsberg am Rande Berlins erwerben. Der Wunsch seiner Stiftung, auf dem “devils-hill” eine entsprechende TM-Universität zu bauen, wird bislang von den Behörden abgelehnt. Dort sollte auch “Yogisches Fliegen” gelehrt werden.

Ohne Titel (aus der Serie „Distorted Nudes“), 2004, Digitaldruck, H 32 x B 32 cm, im Besitz des Künstlers, © David Lynch
Am 9. Oktober wird Lynch seine Reise durch Indien unterbrechen müssen. Dann wird er in Goslar erwartet. Aus der Hand von Goslars Oberbürgermeister Henning Binnewies soll er den Kaiserring der Stadt Goslar 2010 in Empfang nehmen. Womöglich findet sich ja im Harz ein geeignetes Grundstück für die “Unbesiegbarkeits-Universität”?
Die Evangelische Kirche wirft der TM-Bewegung vor, sie verfolge eine „totalitäre politische Ideologie auf der Grundlage eines Hindu-Fundamentalismus“, betreibe einen „aktiven Kampf gegen demokratische Staatsformen“ und wende sich „gegen allgemeine Menschenrechte“. Ist das ein Problem?

Ohne Titel, ohne Jahr, Kugelschreiber und Buntstift auf Streichholzheft, H 9,7 x B 3,8 cm, im Besitz des Künstlers, © David Lynch
Werner Spies, Künstlerfreund und Doyen der Kritikerzunft, zeigt einmal mehr wie weit sein Einfluß reicht. Hat er sich erst einmal auf einen Künstler versteift, ist der gleich obenauf: gesegnet, gekürt und hoch gepreist. Aber ausgerechnet David Lynch? Den hatte nun aber wirklich niemand auf der Rechnung. Außer Spies. Die Jurysitzung in Goslar soll ungewohnt hitzig verlaufen sein.
Alert und umtriebig wie eh stieß Spies 2007 in Paris auf eine Ausstellung des bizarren US-Filmregisseurs - und zeigte sich fortan hingerissen. Spies zog alle Strippen. Kurz darauf fand sich seine Eloge auf Lynch in der FAZ. Spies organisierte eine Ausstellung mit Lynchs bildnerischen Werken - überhaupt Lynchs erste Museumsausstellung - im Max Ernst Museum in Brühl (dessen Gründungsvater Spies ist). Ein imposanter, kiloschwerer Katalog wurde beigefügt. Zuletzt überraschte er die Jury des Kaiserings (dessen Vorsitz Spies seit Jahr und Tag innehat) mit seinem Vorschlag. Widerstand zwecklos. Wo Anselm Kiefer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Tom Cruise den “Courage-Bambi” und Barack Obama den Friedensnobelpreis bekamen - warum dann nicht Lynch den Kaiserring!
Ein Fall von Protektion, von Strippenzieherei? Selbstverständlich. Aber Spies weiß eben, was er tut. Der Überraschungskandidat Lynch, den Spies aus seinem Zylinder zauberte, ist eben nicht das weiße Kaninchen. Weder harmlos noch verschreckt. Spies, die Max Ernst - Brille sicher auf der Nase, fand spürnasensicher die unentdeckte Größe im globalen Kunstgeflecht. Lynch, ein wundervoller Künstler mit Hang zu allerhand Grausamkeiten und Obszönitäten, ist - bei aller Affinität zu Ernst, Kienholz und Bacon - mehr als ein amerikanischer Spätsurrealist. Nimmt man seine hinreißenden Fotoarbeiten, seine Kurz- und erst recht seine Spielfilme mit ins Werk, dann lernt man einen der erstaunlichsten Künstler unserer Tage kennen. Schon 1946 hat er mit der Malerei begonnen und ist erst später über Kurzfilme zu abendfüllenden Hollywoodfilmen gelangt.
Spies hat es uns allen gezeigt. Das Max Ernst Museum darf sich über eine exzellente Ausstellung freuen. Der schläfrige Kaiserring-Preis erhält durch die gelungene Überraschung allerhand Auftrieb, Jeff Wall und Neo Rauch werden sich gedulden müssen. Spies sei Dank!
cfs

Kaiserring der Stadt Goslar: goldgefaßter Aquamarin mit dem Siegelmotiv Heinrich IV (von unten eingraviert); Ausführung: Hadfried Rinke, Worpswede
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