▶ Darsi kam nicht bis Banff
Georg A. Hermann dokumentiert die Dokumenta. Ein Photo-Dokument
Georg A. Hermann ist zur Dokumenta 13 aufgebrochen, der immer noch größten Kunstausstellung weltweit, während die Chefkuratorin Carolyn Christov-Bakargiev argwöhnt: „Vielleicht gibt es Kunst gar nicht“. Von derlei fundamentaler Skepsis ist Hermann frei. Er ist wie immer allein gereist, um in Kassel die Kunst und die Kunstwelt zu treffen. Seit zwanzig Jahren kennt er kein anderes Ziel, als sein „Photographisches Archiv der Gegenwartskunst“ zu vervollständigen. Über 100.000 Aufnahmen hat er schon zusammen. Seine erste Dokumenta war die von Harald Szeemann 1972.
So hat er sich auch in diesem Sommer wieder seine beiden Photokameras um den Hals gehängt, zwei Minolta Dynax 800 SI, keine unbedingt leichten Modelle. Aber wird er überhaupt fündig bei dieser „ökofeministischen“ Dokumenta? Wird es außer Wind und Stimmen, Diagrammen und Video-Walks, „Synthesen von Überlegungen und alternative Praktiken“ (And And And), „Analysen des Potenzials unserer Glaubenssysteme und Experimente mit Möglichkeiten revolutionären Verhaltens“ (Lara Favaretto) überhaupt etwas festhalten lassen von dieser in alle Himmels- und Daseinsrichtungen ausufernden Dokumenta? Dazu findet diese Dokumenta auch in Kabul und Bamiyan, Alexandria und Kairo und auch in Banff statt. Photographen haben es auch nicht leicht mit der Kunst, weder die mit F noch die mit Ph. Und ein Spaziergang verspricht diese Dokumenta wahrlich nicht zu werden.
Hermann photographiert ausschließlich in der altvertrauten Analogtechnik. In dieser Frage ist der Münchner Photograph so standfest wie der Herkules auf der Wilhelmshöhe. Analog oder digital, um ein Haar hätte Hermann das Beste schon verpasst. Hatte er doch keinen Hund dabei. Er schert sich nicht weiter um Hunde, seit er Bauschan, seinen Altdeutschen Schäferhund verloren hat. Doch dann streift er mit seinen beiden Kameras bepackt durch die weitläufige Karlsaue bis er an einem Absperrgitter anlangt. Dahinter liegt der Hundehort. Eine Stück Auslauf und Gehege für die Vierbeiner, die die Dokumentachefin so schätzt. Darsi, der Malteser der Chefin und folglich einer der Stars dieser auch schon Dogumenta genannten Grossausstellung, lümmelt sich da auf dem Rasenstück. „Eintritt nur mit Hunden“, heißt es nun seitens des Dogsitters. Hermann ist Profi genug, um sich Zutritt zu verschaffen. Denn es heißt, CCB komme gleich. Zweimal täglich komt sie vorbei, um nach ihrem Liebling zu schauen. So ist es auch am Tag der Pressekonferenz. CCB eilt in die Karlsaue, um mit Darsilein zu spielen. Hermann ist nah dran. Darsi springt vor Freude an CCB hoch. Der einzige Fotograf, der diese anthropozentrische Performance im Kasten hat. Kunst oder nicht. Der Weg hat sich gelohnt, die Reise geht weiter. Und Hermann hat dazu gelernt, warum das von Dokument abgeleitete Tätigkeitswort dokumentieren heißt.
Mit Ryan Ganders Wind im Erdgeschoss des Fridericianums hat es Hermann schwerer und auch Susan Philipsz (für eiskellerberg.tv gab Susan Philipsz einst ein Ständchen, als sie den Rhein überquerte) wundervolle Klanginstallation am hinteren Ende des vorletzten Bahnsteigs des ehemaligen Kassler Hauptbahnhofs läßt sich photographisch nicht einfangen. Aber auch den Hörern dieser Arbeit wird ihr noch so aufmerksames Zuhören kaum Aufschluss bieten. Die Dokumenta 13 ist eine Lesedokumenta. Man muß sich z. B. lesend aneignen, dass Pavel Haas von diesen Bahnhof aus nach Theresienstadt deportiert wurde, wo er 1943 die Studie für Streichorchester komponierte, auf der Philipsz Klangarbeit basiert. Haas wurde 1944 in Ausschwitz umgebracht.
Hermann streift in eigenem Auftrag drei volle Tage durch das Dokumentakassel. 13 Rollfilme sind seine Ausbeute. Seine Sicht der Dinge, sein Streifzug durch das weitverzweigte Dokumenta-Gefilde, Fridericianum und Co., Ottoneum, Orangerie, Oberste Gasse und Untere Karlsstrasse, Haupt- und Nebenschauplätze, seine Beine sind müde, sein Nacken steif. Sisyphus der Photographie und Paparazzo von Kassel in einem. Über 300 Photos kann er seinem Archiv zufügen. Kunst und vielleicht Nicht-Kunst, da ist er sich mit CCB einig, Promis und vielleicht noch werdende Promis, Künstler, Sammler, Galeristen, Museumsdirektoren, Zufallsbegegnungen, Hauptdarsteller wie Darsi oder Christian Friedrich Flick, alte Hasen wie Ida Applebroog und Llyn Voulkes, frische Triebe wie Ryan Gender, Pierre Huyge oder Goshka Macuga.
Eiskellerberg.tv dokumentiert Georg A. Hermanns dOCUMENTA (13) in 302 Bildern – als neuster, aktueller Teil des „Photograpischen Archivs der Gegenwartskunst“. Wir haben uns entschieden, seine Photographien unverfälscht zu publizieren, d.h. ohne Bilderklärungen und Bildunterzeilen. Wer mehr lesen will, soll zu Dokumenta reisen. Die Bilder sprechen eine eigene Sprache. Sie sind ein eigenes Dokument und eine Einladung zur Dokumenta dazu.
Wir danken Georg A. Hermann für sein einzigartiges Bildmaterial.
Georg A. Hermann
ist einer der bekanntesten Photographen, die ihre Arbeit der Kunst widmen. In eigenem Auftrag reist er zu allen wesentlichen Ausstellungen und Schauplätzen der Gegenwartskunst, um sein Archiv weiter zu führen.
Er wurde 1946 in Reutlingen geboren. Schon während des Architekturstudiums an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart widmetet er sich der Polaroidphotographie mit künstlerisch-dokumentarischem Ansatz. Mitte der Neunziger Jahre entwickelte er sein dokumentarisches Archiv zur Gegenwartskunst, das er bis heute betreibt. Er wohnt, wenn er nicht auf Reisen ist, in München.
23.06.2012 22:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen


















































































































































































































































































































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