▶ Eine ungewöhnliche Schenkung
Lothar Baumgarten bereichert das Museum Folkwang
Zwei Wellen der Auseinandersetzung mit "außereuropäischer Kunst" sind im Neubau des Museum Folkwang an Land gerollt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwischen ihnen liegen über einhundert Jahre. Als der Bankierssohn Karl Ernst Osthaus 1902 das erste Folkwang Museum in Hagen eröffnete, blieb die untere Etage dieses ersten Kunstmuseum für die Moderne den ethnologischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen vorbehalten.
2010 haben sich Lothar Baumgarten und seine japanische Frau Nobuko Sugai entschlossen, eine umfangreiche Sammlung von Objekten, Zeichnungen, Film- und Tonaufnahmen zu schenken, die der Düsseldorfer Künstler während seines Aufenthalts bei den Indianern von Kashorawe - und Yapitawe-theri, zwei Yanomami-Gemeinschaften, in den Jahren 1978/79 zusammengetragen hatte.
Es handelt sich um das Herzstück und Archiv, auf dem das gesamte spätere Werk des Künstlers gründet. Als Baumgarten zu seiner 18 Monate währenden Reise zu den Yanomami (in ihrer Sprache bedeutet das Menschen) ins venezolanisch-brasilianische Grenzgebiet am Oberlauf der Flüsse Orinoco und Amazonas aufbrach, fand er die Gemeinschaften von westlichen Einflüssen noch weitgehend unbeeinträchtigt. Heute leben sie an den Rand gedrängt und vom Aussterben bedroht. 33 Jahre nach seiner Reise, von der Baumgarten an Malaria und Gelbsucht lebensgefährlich erkrankt zurückkehrte, ist diese Sammlung im Souterrain des Essener Museums großzügig ausgestellt.
Das Besondere der Sammlung von Yanomami-Ethnograhpica findet sich in ihre Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit. Baumgarten zog mit den halbseßhaften Indianerstämmen sammelnd und jagend durch die Wälder, wohnte ihren festlichen Ritualen bei, beobachtete die Séancen ihrer Schamanen oder die kriegerischen Rachezüge gegen ihre Nachbarn. Das Dokumentarische und Künstlerische lassen sich indes kaum trennen. Die Sammlung umfaßt Bögen und Pfeile, kunstvoll bearbeitete Pfeilspitzen, Schnupfrohre, Feuerquirle, Federschmuck, Körbe und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Aber auch an die fünfhundert Zeichnungen der Yanomami, denen erst der Künstler den Gebrauch von Papier nahebrachte. Angeregt durch seine täglichen Tagebuchnotizen, sind Notate von eindrücklicher Unmittelbarkeit entstanden. Das enge Zusammenleben mit den Indianern machte es Baumgarten überdies möglich, Filme zu drehen, die von außerordentlicher Intensität sind. Erst durch die Schenkung wurde es möglich, dieses bedeutende Filmmaterial zu digitalisieren und erstmal wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Es ist ein Parcour unter dem Titel "Abend der Zeit - Senores Naturales" entstanden, der von Lothar Baumgarten selbst konzipiert und von ihm in Zusammenarbeit mit dem Architekten Lorenzo Piqueras eingerichtet wurde, der "den Dingen eine lebendige Präsenz erhält und zur Einstimmung auf den Kosmos einer animistischen, unbekannten Welt des tropischen Waldes einlädt.". Leuchtend Rot schimmern einzelne Wände dieser auratischen Inszenierung. Es ist aus dem Samen einer Pflanze der Yanomami gewonnen.
Osthaus Sammlung alter und außereuropäische Kunst (weit über 1000 Artefakte) fristet derweil ihr Dasein in den Magazinen des Museums. Ihre Ausstellung ist zugunsten der Senores Naturales verschoben worden. Doch Folkwang-Direktor Hartwig Fischer versteht den Osthaus-Impuls eine Herausforderung. Er will in Zukunft dieses Potential "in Zusammenarbeit mit Künstlern" wieder aufgreifen und sogar "zur treibenden Kraft" des Museum Folkwang werden lassen.
28.01.2012 18:29 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen










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