▶ Kirchenkunst als Grenzüberschreitung

von Nathalie Dimic


 

Vor wenigen Tagen ist an der Düsseldorfer Berger Kirche ein Trauerort für Menschen, die ihre Verstorbenen nicht vor Ort betrauern können, feierlich eröffnet worden. Geschwungene, mit faustgroßen Kieselsteinen aus dem Rhein gepflasterte Wege formen sich zu einer Spirale, deren leicht vertieftes Zentrum eine Wasserschale bildet. Die Spirale ist ein altes Symbol für die Schöpfung und versinnbildlicht die Einheit von Denken und Sein sowie von Leben und Tod. Zudem ist sie ein Symbol der Meditation und ihre geschwungene Form weist den Weg der Verinnerlichung und Ruhe. Umgeben ist die steinerne Spirale von grünen Bambuspflanzen, die in den nächsten Jahren zu einem natürlichen Sicht- und Geräuscheschutz wachsen werden und deren leises Blätterrascheln und Windsäuseln, die Lebendigkeit der Erinnerung sanft unterstreicht.

 

In einer Gesellschaft, in der die Trauerkultur fast vollständig verloren gegangen ist und in der nahezu alles, was auf Vergänglichkeit verweist, aus dem Lebensalltag heraus und hinein Krankenhäuser, Pflegeheime oder Hospize verbannt wird, ist es umso bemerkenswerter, dass inmitten der belebten und stets bewegten Düsseldorfer Altstadt, ein Ort für Trauer und Kontemplation geschaffen wurde.

 

Der Entwurf für diesen Trauerort stammt von der Düsseldorfer Künstlerin Anne Mommertz. In der Vergangenheit gab es immer wieder – in und an der Berger Kirche – fruchtbare Dialoge und Kooperationen zwischen zeitgenössischer Kunst, elektronischer Musik, sowie sozialkritischer und kulturanthropologischer Positionen und der Kirche. Bereits der erste Blick in den Innenraum der 1687 fertiggestellten und in den 1960er Jahren – nach schweren Kriegszerstörungen – wiederaufgebauten backsteinernen Saalkirche, verrät einen ungewöhnlich avantgardistischen Umgang mit Kunst im Kirchenraum.

 

Im Jahr 2003 gestalte der Frankfurter Künstler Tobias Rehberger den sakralen Innenraum neu und kombinierte die puristische architektonische Struktur mit ausdrucksstarken Farben, ungewöhnlichen Materialien und technischen Finessen: Lindgrüne Wände, zwei 15 Meter breite Vorhänge aus Filz mit vertikalen und horizontalen Linien und Balken, die sich zu zahlreichen Kreuzen zusammenfügen und wieder lösen, ein weißer Acrylglas-Altar in der Apsis, der elektronisch mit einer evangelischen, einer katholischen und einer griechisch-orthodoxen Kirche verbunden ist und dort über Mikrofone akustischen Signale einfängt, die in Lichtimpulse übersetzt werden. Außerdem hängt über dem Altar – leicht zur Seite versetzt - eine Lichtkugel, die als rot-orange leuchtende Sonne zu lesen ist.

 

Ein weiteres künstlerisches Original in der Berger Kirche ist die „OR/BIT“, ein weltweit einzigartiges Instrument, das sich aus Synthesizer, Orgel-Spieltisch und 3D-Sorround-Sound zusammensetzt und von Wolfgang Abendroth (Konzept), Kurt Dahlke (Programmierung) und Tobias Rehberger (Gestaltung) konzipiert und umgesetzt wurde.

 

Bereits seit dem Jahr 2000 war das von Thorsten Nolting initiierte „Labor für soziale und ästhetische Entwicklungen“ (www.labor-sozial.de) an der Berger Kirche verortet und öffnete den Kirchenraum für gleichsam künstlerische wie sozialkritische Positionen und zeichnete sich durch ein großes partizipatorisches Moment aus.

 

Der Kirchenraum wird zum Lebensraum, in dem nicht nur Gottesdienste, Konzerte und Lesungen sattfinden, sondern auch die wöchentliche Lebensmittelausgabe. Zudem finden im Winter Obdachlose an diesem Ort einen geschützten Schlafplatz.

 

Die Berger Kirche schafft einen Raum, der die Grenzen zwischen arm und reich, jung und alt, gesund und krank überwindet und Menschen einlädt das öde Grenzland zwischen dem Vertrauten und dem Fremden in fruchtbaren Boden zu wandeln.

 

Auch wenn das Labor in diesem Jahr schloss, so werden die gesetzten Impulse fortgeführt und – allem befremdeten Kopfschütteln zum Trotz – immer neue kreative wie forsche Methoden zur Begrünung des Grenzlandes unternommen.

 

Die Berger Kirche ist ein couragiertes Beispiel von sozialer und ästhetischer Grenzüberschreitung und eine Einladung, die eigenen Grenzen und Schubladen zu überdenken.

 

 

BERGER KIRCHE DÜSSELDORF

Berger Straße 18b

Di - So 15-18 Uhr

 


 

 

Abbildung 1: Trauerort an der Berger Kirche, Düsseldorf © Anne Mommertz

Abbildung 2: Trauerort an der Berger Kirche, Düsseldorf © Anne Mommertz

Abbildung 3: Außenansicht, Berger Kirche, Düsseldorf © Joerg Wiegels

Abbildung 4: Innenansicht, Berger Kirche, Düsseldorf © Berger Kirche

Abbildung 5: OR/BIT in der Berger Kirche, Düsseldorf © Orgelbau Seifert

Abbildung 6: OR/BIT in der Berger Kirche, Düsseldorf © Orgelbau Seifert

 

 

 

01.12.2009 21:42 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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