▶ Künstler zwischen Kontemplation und „rasendem Stillstand“?

von Maren Ackenhausen

 

 

Wenn man die Ausstellungshalle betritt, ist ein reißendes Geräusch zu hören, das kurzzeitig unterbrochen ist, um sich dann in sehr geringem zeitlichem Abstand zu wiederholen. Weitere Geräusche schleichen sich dazwischen, ein Schaben und Rollen, das schneller identifiziert werden kann: Mehrere verchromte Kugeln (Continuity Reflecting Space von Jeppe Hein) bewegen sich selbstständig über den Boden eines Ausstellungsbereichs, einzig durch eine Bodenschwelle am unkontrollierten Rollen durch die Ausstellung gehindert. Der/die geräuschempfindliche Besucher/in kommt hier nicht unbedingt zur Ruhe, wird vielmehr gleich mit dem Kontrapunkt, der zunehmenden Beschleunigung unserer Zeit, auch durch Lärm, konfrontiert.


Bevor dieser Teil der Ausstellung erreicht wird, hat man bereits mehr als 200 Jahre Kunstgeschichte durchschritten. Die Werkauswahl zeichnet sich durch eine Fülle prominenter Werke aus, die dem Motto der Ausstellung folgend, jeweils Ruhe auf der einen und Bewegung auf der anderen Seite, der „Speedline“, präsentiert, zusätzlich betont durch die geschwungene Form der Ausstellungsarchitektur und deren graue Farbgebung, falls man bei all der Ruhe und Bewegung durcheinander kommen sollte.

 

Julius Popps bit.fall, nun als das seltsame Geräusch vom Anfang zu identifizieren, stellt durch seine Ausmaße ein Bindeglied zwischen den beiden Ebenen der Ausstellung her und veranschaulicht auf einprägsame Weise die zunehmende Reizüberflutung unserer Gesellschaft. Aus dem Internet werden aktuelle Schlagwörter aus Nachrichtendiensten gefiltert und danach in den Kreislauf eines Wasserfalls eingespeist. Im freien Fall sind die Wörter nur wenige Sekunden lesbar, bevor sie sich in einem darunter befindlichen Becken wieder in Wassermassen verwandeln. Das Geräusch entsteht beim Auffangen der Wörter, die durch ein feinmaschiges Netz geleitet und so entschleunigt werden.


Man mag der Ausstellung vorwerfen, dass sie vielleicht zu beliebig Künstler in die beiden Pole der Ausstellung presst. Dennoch wird der Besucher zum Nachdenken angeregt und für ein Geschichtsverständnis sensibilisiert, das nicht nur fortschrittsgerichtet und durch vermeintlich höheres Tempo geprägt ist, sondern auch das zunehmende Bedürfnis des Menschen nach Muße und Ruhe veranschaulicht.

 

 

Noch bis zum 9. April 2012 zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg

Die Kunst der ENTSCHLEUNIGUNG. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei


mit Werken von u. a. William Turner, Edgar Degas, Odilon Redon, Max Ernst, Auguste Rodin, Aristide Maillol, František Kupka, Giorgio de Chirico, Marcel Duchamp, Robert Delaunay, Ferdinand Hodler, Mark Rothko, Josef Albers, Kasimir Malewitsch, László Moholy-Nagy, Jean Tinguely, El Lissitzky, Franz Gertsch, James Turrell, Bruce Nauman, Nam June Paik, Gerhard Richter, On Kawara, Jonathan Schipper, Anselm Kiefer, Andreas Gursky u. v. m.

 

 

Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei (12.11.2011–09.04.2012) mit Werken von u.a. Robert Delaunay, Auguste Rodin und Bridget Riley, Foto: Marek Kruszewski  <span><span>Julius Popp, </span></span><span><span><em>bit.fall</em></span></span><span><span>, 2001–06, Courtesy Galerie Jochen Hempel, Leipzig, Foto: François Doury, Paris</span></span>  

 

 

30.11.2009 17:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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