▶ Michel Majerus
von Nicolas Stiller
Das Werk von Michel Majerus kann als signifikanter Ausdruck einer Epoche aufgefasst werden, im Zuge welcher mit Hip-Hop und Turntablism popkulturelle Tendenzen zum Mainstream avanciert sind, innerhalb derer der Technik des Samplings als virtuosem Spiel mit musikalischen Versatzstücken eine zentrale Bedeutung zukommt. Die damit einhergehenden Qualitätskriterien sind dabei weniger von der Frage bestimmt, inwieweit es sich beim jeweiligen Stück um ein eigenständiges Werk handelt, als von jener, ob der Künstler einen souveränen und kreativen Umgang mit spezifischen Fertigkeiten, wie denen des Mixens oder des Scratchings an den Tag legt, welche dazu dienen, die Soundfragmente in harmonischer Weise zu synthetisieren. Über diese DJ-Skills hinaus kann sich eine differenziertere inhaltliche Programmatik über die Auswahl des verwendeten Materials und die konkrete Art und Weise, wie dieses im Einzelfall miteinander kombiniert wird, offenbaren.
Es erscheint naheliegend, die Arbeiten des 2002 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommenen Künstlers, welche derzeit in Stuttgart gezeigt werden, als Übertragung dieser Ansätze in den Bereich bildnerischer Medien zu interpretieren. Werke bedeutender Maler wie Frank Stella und Andy Warhol bilden dabei ebenso wie Bilder und Typographien aus Werbung, Comics und Videospielen Teile eines unerschöpflichen Repertoires visueller Zeichen, die der gebürtige Luxemburger nach Belieben zu grellbunt-eklektischen Kompositionen zusammengefügt hat. Dass seine Arbeitsweise sowohl vom Jonglieren mit neuartigen Konzeptionen wie der Sprengung jeglichen räumlichen Rahmens geprägt war, zeigt weiterhin eine ungebrochene Anything-goes-Mentalität auf, die sich auch in der aktuellen Retrospektive niederschlägt. So nutzt das Stuttgarter Kunstmuseum zu diesem Anlass erstmals die weitläufigen Räume des Erd- und Untergeschosses für eine Wechselausstellung.
Von den insgesamt mehr als hundert gezeigten Werken erweist sich die 2002 vollendete Installation controlling the moonlight maze unter konzeptuellen Gesichtspunkten als hervorhebenswert. Dabei handelt es sich um einen begehbaren Kubus, dessen Wände in riesenformatigen Bildern mit typischer Pop-Motivik bestehen. Wie auch an einer 40 Meter langen, von ihm gestalteten Skate-Rampe, welche im Falle einer aus Lärmschutzgründen noch ausstehenden Genehmigung unmittelbar vor dem Museum aufgebaut werden soll, zeigt sich hier, dass die von Majerus verwendete Sampling-Methode auch zu einem produktiven Umgang mit bildnerischen Konventionen geführt hat.
Überdies bleibt, wie bei einer technisch virtuosen DJ-Performance, die Frage danach, ob die Auswahl des verarbeiteten Materials inhaltliche Rückschlüsse zulässt, oder ob das Nichtvorhandensein jeglicher Tiefendimension in Warholscher Tradition beabsichtigt wird. Weiterhin bleibt es dem Betrachter überlassen, ob er die auf ihn einwirkende Bilderflut im Sinne einer subversiven Aneignungsstrategie deutet. Welche Lesart man in dieser Hinsicht wählt, mag man daran festmachen, wie man selbst zu den Positionen der Pop- und Appropriation-Art steht, welche hier Pate gestanden haben.
Kunstmuseum Stuttgart
Michel Majerus
26. November 2011 – 9. April 2012
01.12.2009 20:24 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen











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