▶ „U“ wie Übermorgen
Kunststadt Dortmund – ein Aufbruch im Umbruch? Ein Blick auf die Szene Dortmund
„Der zweite Blick“ nennt sich die neue Hängung des Museum Ostwall, mit der das Dortmunder Traditionshaus - seit gut einem Jahr im mächtigen Monolithen des Dortmunder U – „Zentrum für Kunst und Kreativität“ ansässig, neuerdings auf sich aufmerksam macht. Eine grelle Nackte von Picasso hängt jetzt in unmittelbarer Nachbarschaft einer Plastik von Henry Laurens; Pechstein und Jawlensky begegnen sich mit zwei Landschaften; mit Wolf Vostell, Joseph Beuys und der Schallplattensammlung von Dieter Roth (u.v.m.) finden sind auch Fluxus und Co. im neuen U wieder. Ein kleiner Raum gehört aktuell dem Amerikaner Phil Sims, einem nicht allzu bekannten späten Vertreter der amerikanischen Farbfeldmalerei, auch der Dortmunder Grafiker Harry Fränkel wird anlässlich seines 100. Geburstages geehrt.
Eines aber unterstreicht die neue Hängung vor allem und aufs Neue: Es gibt wohl kaum ein Museum in Deutschland, das seine Bestände auf derart beengtem Raum präsentieren muss. In notgedrungen engen Kabinetten und schmalen, labyrinthischen Gängen (Ausstellungsarchitektur: Büro Kuehn Malvezzi, insgesamt 1.600 qm) finden sich die Bestände des Museums hier wieder. Der alte Name Ostwall erinnert an die alte Adresse. Ein Aufbruch sieht anders aus. Sowohl die Aufbrüche der 1960er Jahren wie der Kernbestand der deutschen Expressionisten, beide ohnehin ziemlich beziehungungslos nebeneinander - und leider überwiegend unter Kunstlicht gestellt, geraten in diesen Räumen fast zu Petitessen. Eine Wertschätzung dieser kleinen, aber respektablen Sammlung sieht anders aus, zumal die Architekten den Eingang des doppelstöckigen Museum in eine unscheinbaren Ecke des 4. Stocks des geschoben haben. Der Stellenwert, den man in Dortmund diesen inzwischen klassischen Repertoires der Kunst zuerkennt, ist ganz offensichtlich gering;.das Museum Ostwall ist ein Mieter unter vielen.
Nicht jede Stadt, zumal nicht im Ruhrgebiet (wo man jedoch nicht müde wird zu betonen, das Land mit der höchsten Museumsdichte weltweit zu sein), nicht jede Stadt also besitzt die Möglichkeiten, großflächig und in schwelgerischer Manier seine Schätze so ausbreiten zu können, wie dies etwa dank großzügiger Stiftungstradition nebenan in Essen im Folkwang Museum geschieht. In Dortmund lautet die Idee, mit der man sich kulturell profilieren will, zwangsläufig anders: Das U, der monumentale Industriebau aus den bierstarken Jahren, hoch aufragendes Symbol des Dortmunder Dreiklangs aus Bier, Kohle und Fußball, soll durch den räumlichen Zusammenschluss von Einrichtungen aus Wissenschaft, Kunst und Bildung neu aufgeladen werden. Eine inhaltliche Engführung von Kunst und Kreativität mit der Schnittstelle der neuen Medien soll hier neu in Szene gesetzt werden. Die inzwischen – weit vor Essen - größte Stadt des Reviers sieht sich vor allem als Vorreiter einer neuen Verbindung aus Neuen Medien und Kunst. Der Umbau des Us ist nach langen Querelen beendet, der Streit um die Folgekosten hat im kommunalen Disaster Dortmunds eben erst richtig begonnen.
Das aktuelle Programm im „U“ präsentiert sich unverdrossen zukunftsorientiert: Der Hartware Medienkunstverein auf der dritten Etage zeigt eine Ausstellung zum Thema Öl. Einer freundlichen Fotoausstellung der Jugendkunstschulen im Ruhrgebiet über „Gesichter im Ruhrgebiet“; begegnen wir auf der Ebene 2. Oben auf Ebene 7 kann man bei „Du bist das Orchester“, einer audiovisuellen Multimediainstallation in Kooperation mit dem städtischen Konzerthaus, den Taktstock zu den Klängen von Strawinsky selbst in die Hand nehmen. Während unten im Kino die Türkischen Filmtage gegeben werden. So zeitbezogen und politisch korrekt alles erscheint, ist es doch insgesamt kaum mehr als ein gehobenes, gewissermaßen am politischen Reißbrett entwickeltes Volkshochschulprogramm, dessen öffentlicher Zuspruch wie es scheint begrenzt ist. Als ein neues Centre Pompidou im Revier fehlt ihm jenes bildliche Zentrum, das Renommé und eine visuelle Identität begründen könnte. Dann erst würden die spannenden Videosequenzen des Medienkünstlers Winkelmann, die von hoch oben im Turm über die Stadt flimmern, halten, was sie nach außen hin versprechen.
Gehen wir nach draußen: Schräg gegenüber dem Dortunder U, am Hohen Wall, hat die Kunstinititive Boheme-Précaire in den leer stehenden Räumen des ehemaligen Versorgungsamtes – einem Bürobau der 1970er Jahre - eine kleine internationale Ausstellung organisiert, die den Titel „been out“ trägt und Positionen zum Zustand des öffentlichen Raumes zeigt. Die Fotografien, Zeichnungen, Installationen, Videos und Texte entpuppen sich schnell nicht nur als stark politisiert, sondern auch als künstlerisch interessant und origineller als vieles, was im großen „U“ zu finden ist. Einen Stock tiefer vermietet die co-working Initiative „ständige vertretung“ Arbeitsplätze für Kreative. Direkt nebenan residiert in einem Ladenlokal mit angeschlossener Galerie die Agentur heimat design, „Plattform und Display für junges Design aus der Region“, die mit einem Magazin und gemeinsamen Initiativen den kreativen Aufbruch der Stadt und der Region fördern will. Gemeinsam mit dem Verein „Neue Kolonie west“ hat man eine Vereinigung von Kreativen entlang der Achse der Rheinischen Straße gegründet, die vom U stadtauswärts führt. Eine der Hauptaktivitäten, so erzählt Geschäftsführerin Reinhild Kuhn, ist im Moment ein internationales Artist-in-Residence-Programm, dessen Gäste in einer Gewerbehalle (Union Gewerbehof) der Rheinischen Straße ihrer Arbeiten - bildende und darstellende Künste sollen in einen Dialog treten – für einige Monate lang nachgehen können. Es wird Ausstellungen und einen Katalog geben. Insgesamt, so Reinhild Kuhn, die früher am Dortmunder Künstlerhaus tätig war, war es sicherlich eine Art Glücksfall, dass sich die Ziele der Stadt und die der ansässigen Künstlerszene im Ziel treffen.
Im Vorfeld der Kulturhauptstadt Ruhr2010 hatte man in Dortmund wie in sechs anderen Ruhrgebietsstädten den Plan gefasst, durch die Entwicklung von sogenannten Kreativquartieren problematische Gegenden durch die Ansiedlung von Künstlern und kreativen Branchen den Boden für eine neues urban life zu bilden. Man sichtete seitens der Stadt die Bestände für Zwischennutzungen, einzelne Künstler fanden Ateliers, das Büro ecce, european centre for creatice economy sucht organisatorische Netzwerke zwischen Kreativen un der Wirtschaft zu etablieren – insgesamt ein langwieriger Prozess, mit Höhen und Tiefen, der sich nicht zuletzt auch dem ruhrgebietsspezifischen Kompetenzwirrwarr gegenübersieht. Fährt man heute die Rheinische Straße hinunter, so dominiert jedenfalls ein vertraut-ernüchternde Bild: Auf den Billig-Supermarkt folgt das Spielezentrum „lets play“, an das wiederum ein Fachgeschäft für Kachelkamine und Solarien angrenzt, gefolgt von der ökomenischen Wohnungsloseninitiative, oder sollte der unscheinbare „Coiffeur creativ“ in seiner Retroanmutung tatsächlich zur neuen Kreativszene zählen?.
In Dortmund fehlen finanzstarke Unterstützer, etwa eine Kulturstiftung à la Krupp, die eine umfassendere Initiative starten könnte. An der Rheinischen Straße jedenfalls ist die Gefahr der Gentrifizierung noch lange nicht virulent. Diese findet stattdessen derzeit im Dortmunder Vorort Hörde statt, dort wo die Stadt ihre Zukunft sieht und tatsächlich mit einiger Verve betreibt: Auf dem riesigen ehemaligen Stahlstandort Phönix, in dessen alten Industriehallen manche der Kreativen noch bis vor kurzem eine stimmungsvolle Arbeitsatmosphäre gefunden hatten, entwickelt sich derzeit ein neuer High-tech-Park, nebenan entstehen die neuen villenartigen Wohnsiedlungen rund um den neu angelegten Phönix-See – in toto eine gewollt mondäne neue Arbeits, Freizeit- und Wohnwelt, deren Distanz zur kulturellen Sphäre nicht nur räumlich allenthalben spürbar wird. Dafür wird es in der Dortmunder Innenstadt aber tatsächlich bald ein nigelnagelneues Museum geben, das wahrscheinlich sein Publikum problemlos finden wird: Schon 2014 soll das neue DFB-Fußball-Museum fertiggestellt sein: eine 6.000 Quadratmeter große „Erlebniswelt für Fußball-Fans“. Das Land NRW unterstützt diese populäre Bildungsstätte mit immerhin 18,5 Millionen Euro. In Dortmund sind die Prioritäten damit eindeutig gesetzt.
Frank Maier-Solgk
»Aussicht Paradies«
Auf dem ehemaligen Hochofen- und Stahlwerksgelände Phoenix in Dortmund-Hörde entsteht ein neuer Technologiestandort. Das Zentrum der Umstrukturierung bildet der Phoenix-See: nach seiner Flutung 2010 soll er zu einem Freizeitparadies werden. Phoenix ist ein Standort für die Zukunft, heißt es. Doch bisher exisitiert diese Zukunftsperspektive nur in der Theorie. Olga Kessler porträtiert in ihrer Arbeit »Aussicht Paradies« junge Menschen aus Hörde und die Umgebung, in der sie aufwachsen. Sowohl die Landschaft als auch die Jugendlichen befinden sich in einer sensiblen Umbruchsphase. Die Industrie hat hier verbrauchte Erde, verformte Landschaften und eine zerfallene Siedlungsstruktur hinterlassen. Eine Generation junger Menschen wird in einer Landschaft erwachsen, die einem ständigen Wandel unterzogen ist.
Olga Kessler, geboren 1980 in Kischmischi, Kasachstan, studiert Fotografie im Fachbereich Design an der Fachhochschule Dortmund.
20.01.2012 11:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

















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