▶ Wenn die Erde malt

Wie „Landkarten“ unbekannter Territorien erscheinen die Werke von Ulrike Arnold. Sie vermessen das Unermessliche

 

Ausstellungsansicht Stadtsparkasse Düsseldorf, © Photo Christoph Münstermann Ausstellungsansicht Stadtsparkasse Düsseldorf, © Photo Christoph Münstermann

 

Wir haben uns längst an die Reihenfolge von Zahlen gewöhnt, die uns als ein Schlüssel dienen, Dinge, Schachverhalte oder ganz allgemein Informationen zu schützen oder auch wieder zu öffnen. Wir brauchen solche Zahlencodes wie selbstverständlich für Kontokarten, Mobiltelefone, zum Öffnen unserer Personal Computer wie für Haustüren oder Reisekoffer. Wenn auch nur eine der Ziffern nicht stimmt oder nicht ganz in der richtigen Reihenfolge eingestellt wird, springt das Schloss nicht auf. Es öffnet sich nicht. Die gewünschte Reaktion bleibt aus. Und ist es nicht ganz so wie mit den Buchstaben beim Schreiben? Wenn wir über einen so verschlossenen, persönlichen und bisweilen auch geheimnisvollen Bereich wie zum Beispiel der Kunst sprechen, können die Buchstaben, nur erst einmal in die richtige Reihenfolge gebracht, etwas aufschliessen und beim Leser tatsächlich eine Reaktion, eine öffnende Erkenntnis hervorrufen.

 

Die großartigen und doch auch fremden Bilder von Ulrike Arnold als „Landkarten“ zu verstehen, wäre so eine Buchstabenkombination. Wir kennen Landkarten vielleicht noch aus dem Schulunterricht. War Erdkunde an der Reihe, kam der Kartenständer, der irgendwo in der Ecke gestanden hatte zum Einsatz und an diesem sperrigen Gerät wurde die Landkarte aufgezogen. Der Lehrer hatte sie in Form eine Rolle aus dem Kartenlager mitgebracht. Es handelte sich um eine Leinwand, die auf der Schauseite farbig bedruckt war. „Afrika“ stand da in fetten schwarzen Lettern darüber, oder „Australien“ oder auch „Südamerika“. Da konnte man staunen. Die Berge, tiefbraun, die Flüsse und Seen blau, die Wünsten hellgelb und die fruchtbaren Ebenen grün. Am Rand links oder rechts unten, verschwindend klein, war der Maßstab angegeben. Eine nicht unwesentliche Information. Denn so staunenswert „Afrika“ oder „Australien“ uns im Klassenraum auch erschienen, sie hätten doch auf keine Karte je gepasst.

 

Jorge Luis Borges allerdings weiß in seiner allumfassenden `Bibliothek von Babylon´ über die besondere Kunst der Kartographie zu berichten, die einst eine solche Vollkommenheit erlangte, daß ihre beste Karte endlich selbst die Größe des Reichs erlangte und sich mit ihm in jedem Punkt deckte. Die nachfolgenden Geschlechter diese aber ruchlos den Unbillen der Sonne und der Winter überließ, bis nur in den Wüsten des Westens zerstückelte Ruinen der Karten überdauerten, behaust von Tieren und Bettlern.

 

Ulrike Arnolds Landkarten wiederum entstehen in einem Prozess der künstlerisch-wissenschaftlichen Landnahme, der sich auch als eine Versuchsanordnung beschreiben lässt. In dessen Verlauf entnimmt sie an auswählten Orten der Erdoberfläche Gesteins- und Erdproben, die sie auf eine Leinwand überträgt. Das Experimentelle wird hier von einem dokumentarischen und künstlerischen Ansatz gleichermaßen geflutet.

 

Sie bricht in ferne Länder auf, sucht dort bestimmte, weit abgelegene, für sie bedeutende, besondere Energien ausstrahlende Orte und geheimnisvolle wie zauberhafte Plätze inmitten einer noch weitgehend unversehrten Natur auf. Aus den Erden und Gesteine, die sie dort vorfindet, gewinnt sie in einem oft mühsamen Prozess des Zerkleinerns und Zermahlens von Gesteinsbrocken und Erdklumpen, Material und Malmittel für ihre Bilder. (Eine Gruppe von knapp sieben Meter langen Bildern hat gerade einen erstaunlichen Ausstellungsraum in der 20. Etage der Hauptverwaltung der Stadtsparkasse Düsseldorf, also hoch über City gefunden).

Als Träger für die Bilder verwendet sie mitgebrachte, für die Reise zusammengerollte Leinwände. Scheint es nahe zu liegen, ihre Bilder Landkarten zu nennen? Es sind Landkarten einer inneren wie äußeren Landschaft. Gefertigt unter dem unmittelbaren Eindruck der Ulrike Arnold anziehenden, aber extremen anspruchsvollen und auch erschöpfenden Situation (extreme Hitze, Kälte, Höhen, etc.) in einer abgelegen Weltgegend. Die Künstlerin setzt sich diesen Situationen nahezu ungeschützt wochen- und oft monatelang aus. Ihre Reisen gleichen Expeditionen in noch unbekannte Territorien und entsprechend akribisch und sorgfältig sind ihre Vorbereitungen, ihre Recherchen und Erkundigungen. Ihre Neugier gilt dem Unbekannten, dem Fernen und Fremden. Sie reist allein. Bei aller Erfahrung mit diesem Sich-Aussetzen, lassen sich, jenseits der äußeren Beschwernisse und Gefahren, auch die wechselnden inneren Zustände zumindest erahnen, die zwischen Einsamkeit und Extase oszillieren.

 

Arnolds Landkarten sind Landkarten ohne Maßstab. Sie sind überhaupt ohne wissenschaftlichen Anspruch. Sie repräsentieren nichts und wollen kein umfassendes, irgendwie verbindliches Bild bieten. Sie schaffen keine abgeklärte Distanz, sondern sind unmittelbarer Ausdruck und Erleben. Wenn es Landkarten sind, dann im Sinne von unmittelbaren Aufzeichnungen in einer extremen wie existentiellen Situation. Eine Grenzerfahrung wird hier künstlerisch kartographiert. Innere und äußere Welt sind in einem gleichsam ozeanischen Amalgam ununterscheidbar zusammengeströmt. Es läßt sich daher auch kein Maßstab angeben. Es handelt sich vielmehr und Erdkarten im Sinne von Karthographien eines konkreten Fleckens Erde geweitet zu Weltkarten eines universalen Bewußtseins.

 

Die Künstlerin, abgesondert und ausgesetzt einer extremen Natur, setzt sich einem Experiment aus. Sie enthebt sich in der Erde und mit der Erde dem persönlichen, individuellen Bewußtsein ihres alltäglichen Daseins in einem Maß, wie es nur im Zustand der Extase gelingen kann, um sich mit den Kräften der Erde und des Himmels zu verbinden. Sie teilen sich uns mit, die Künstlerin selbst ist nur ihr Medium. So entstehen Landkarten von überpersönlicher Schönheit und Größe unserer Erde.

 

C. F. Schröer


 

 

 

In der kommenden Woche wird Ulrike Arnold zu ihrer nächsten Expedition aufbrechen.

Stichwortartig nennt sie uns die wichtigsten Stationen und Ziele. Ein Dokument.

 

Die Atacamawüste, Salzseen, Observatorium Paranal, Geisterstädte, Meteoriteneinschläge, die Weite, Vulkane, der Himmel über den Anden.

Später Patagonien. Vulkane.Vielleicht weiter der Küste entlang. Gletscher. Kap Horn. Der südl. Punkt. Überqueren der Drakepassage zur Antarktis. Insel Deception. Vulkanisch…Erde. Vulkane. Eis.

 

 

PARANAL-OBSERVATORIUM

Ist das grösste Observatorium der Welt auf einem Berg in der Nähe der Küste in 2.600 Meter Höhe gelegen. Habe für beide Orte Erlaubnis zu bleiben.

Es liegt am Rand der Atacama-Wüste, einer der trockensten und einsamsten Gegenden der Erde. Kein Licht stört hier die Beobachtungen der Astronomen, der Sternenhimmel von La Silla gehört zu den dunkelsten und klarsten überhaupt weltweit.

Beschäftigung mit Alter, Geschichte (Die Atacama-Wüste ist etwa 15 Millionen Jahre alt). Dort finden ich die älteste Mumien der Welt: mumifizierte Babys (vom Volk der Chinchorros), vor mehr als 7000 Jahre bestattet.

 

Observatorium:

Beschäftigung mit Entfernung. Sehen von neuen unfassbaren Räumen, hinter denen wieder Räume sind. die sich immer weiter auftuende Tiefe des Universums. Kosmisches Material vom Himmel in der Hand.

Malen von Bildern mit beiden Punkten: Nähe - die Erde + Weite –der Kosmos.

Einblicke in die Wissenschaft. Magische Orte der Erde werden berührt von Materie aus dem Kosmos. Ahnungen ,Geheimnis, Mysterium.

Verbindung zwischen Objekten, die bereits auf die Erde getroffen sind und solchen, die von hier aus beobachtet werden.

Die Weite nicht nur als Breite und Länge der Wüste, als Ausdehnung von Erdgebieten, sondern auch als „Höhe“ des unendlichen Raums des Alls.

Thematisierung von Schöpfung: Etwa Geburt und Erlöschen von Sternen.

Resultate/Einsichten der Stern-Beobachtungen und All-Schau in irgendeiner Form künstlerisch verarbeiten. Arbeiten mit dem weißen, kristallinen Salz der Wüste und Meteoritensplittern. Mikro- und Makro-Blicke.

 

ATACAMA

Suche nach dem geeigneten Malort.

Interessante Orte um San Pedro/Atacama: Tatio-Geysiren, Berglagunen Miscanti und Miniques ,Taira am Rio Loa (Felsbilder).Tal des Mondes, Tal des Todes. Salar de Maricunga,Copiapo, Norte Grande und Chico.

Das grüne Mineral Atacamit wurde 1801 in dieser Wüste entdeckt und nach ihr benannt. Atacamit entsteht durch Oxidation bzw. Verwitterung von kupferhaltigen Mineralien im ariden Klima. Atacamit (Kupferhornerz, Kupfersand) ist ein eher seltenes Mineral.

 

Das weiss glitzernde Salz der grossen Salzseen.

Auf der Weiterreise nach Patagonien und Feuerland. Cuevas de los Manos- berühmte Handabdrücke auf Felsen in Südargentinien.


 


  

 

Erfüllung eines Traumes, an ein schier unerreichbares Ziel zu fahren,

das sich komplett unterscheidet von Allem. Ein Stück „Paradies“ erleben. Wüste aus Wasser, Eiswüste, „anderer Planet“.

In der Antarktis gibt es nur wenige Lebewesen. Die meisten sind winzig klein und nur unter dem Mikroskop zu erkennen. Die Winde sind oft bis zu 300km pro Stunde schnell. Sie formen die Felsen und den Schnee auf den Vulkanen.

Malerei, Zeichnung, Fotografie, Film, Experimente mit Kälte, Wasser und Erde:

Unter anderem die Idee, Natur noch stärker Einfluss nehmen zu lassen auf die Malgründe, Leinwände und Entstehung von Arbeiten. Eingriff der Natur: beispielsweise (für kürzere oder längere Phase) Eintauchen/Belassen von Gemälden im Wasser. Werke dem Wind, den extremen Temperaturen aussetzen.

Sehnsuchtsort: Reise an den entferntesten Ort. Gleichzeitig Sehnsucht, an noch unerreichte Orte gelangen

 

USAIHA/Argentinien südlichster Punkt Südamerikas. Einschiffung per Frachtschiff z.B Schiff Lautaro.

In Punta Arenas besteht die Möglichkeit, wenn man Glück hat, mit einem Schiff der chilenischen Marine in die Antarktis auf einer Versorgungsfahrt für Antarktis-Stationen mitzufahren.

 

Forschungsschiff /Segelschiff:

Ebenso in Usaiha :

Möglichkeiten anzuheuern mit Forschern, anlegen in Buchten der Antarktis.

 


boulder felsbild
BRYCE CANYON 2003
anselm spring7
anselm spring5
notom, utah, ulrike arnold
meteoritman Marvin Killgore+ ulrike
luna mesa,ulrike malend1
ERDS CKCHEN
smokey mountain digging

06.12.2011 12:27 (Kommentare: 2) | Weiterempfehlen

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Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Bettina Türk | 08.12.2011

Großartiger Bericht!!!!

Kommentar von Michael Keutmann | 09.12.2011

Einfach toll wie man mit der Natur Kunst machen kann.

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