▶ Wohnen ganz oben

Luxus mit Lüpertz. Wie die Kunst die teuren Neubauprojekte aufschmückt

 

Die beiden Königskinder werden, wie es die Ballade will, niemals zueinander kommen. Acht Meter hoch werden sie sein und an den Dachkanten der beiden 63 Meter hohen Wohntürme stehen, die demnächst im Düsseldorfer Medienhafen hochgezogen werden. Der Künstlerfürst und ehemalige Akademiedirektor Markus Lüpertz, dessen mythische Figuren schon in Bonn (Mercurius) und Gelsenkirchen (Hercules) das Stadtbild verunzieren, wird sich dann ein weiteres Denkmal gesetzt haben. Unter dem Dach werden etwa 120 Penthouse-Wohnungen liegen, deren zukünftige Eigentümer sich nicht nur über ihr künstlerisches Markenzeichen, sondern auch über einen „Doorman“ und unten, direkt vor dem Haus, über die hauseigenen Bootsliegeplätze freuen dürfen. Nachdem sich die Stadt und die Bezirksregierung nach jahrelangen Debatten nun offenbar weitgehend über die Frage‚ 'Wohnen im Industriehafen’ geeinigt haben (der Bebauungsplan allerdings ist immer noch nicht unter Dach und Fach), darf im Medienhafen demnächst nicht nur gegessen und gearbeitet, sondern auch gewohnt werden; natürlich, wir sind in Düsseldorf,so exklusiv und teuer wie möglich.

 

Keine zwei Kilometer flussabwärts befindet sich der älteste Teil der Altstadt Düsseldorfs unmittelbar neben St. Lambertus ebenfalls auf dem Weg in eine mondäne Zukunft: Das in einem ernsten Neobarock errichtete Gebäudeensemble des ehemaligen Theresienstifts, 1831 aus dem Kloster der Karmeliterinnen entstanden und zuletzt als Altenpflegeheim genutzt, wird auf fünf Etagen und 8.000 Quaratmeter zu einer neuen „Kameha-Residence“. Das bedeutet: Wohnungen auf dem Niveau eines 5-Sterne Hotels mit Concierge, der die Abendunterhaltung und alles weitere organisiert, was – ‚the world at your fingertips’ - der I-Pad auf dem Zimmer noch an Wünschen offengelassen hat. Bis 2013 sollen 40 voll ausgestattete Lifestyle-Appartements bzw. Luxus-Wohnungen von 30 bis 280 Quadratmeter entstehen, bei Preisen von 5.900 bis 13.500 Euro.

 

Der Trend zur neuen hochpreisigen Wohnanlage – hinzukommt gleich in der Nachbarschaft das ausgedehnte Andreas-Areal rund um das ehemalige Amtgericht (Franconia Eurobau AG) ist zwar in Düsseldorf besonders augenfällig, aber nicht auf die Landeshauptstadt begrenzt. Vor Ort hat es unlängst zum Streit zwischen den Parteien im Düsseldorfer Stadtrat geführt. Wie sozial ist diese Stadt noch, deren neureicher Habitus sprichwörtlich ist? Den allgemeinen Trend bestätigen aktuelle Zahlen, die die Architektenkammer des Landes, verbunden mit einer Warnung, herausgegeben hat: Danach hat sich der Anteil an preislich gebundenen Wohnungen in NRW von 1980 bis 2010 von ca. 40 auf gut 20 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes fast halbiert. Unterlagen im Jahr 2.000 noch knapp 1,2 Millionen Wohnungen einer sozialen Mietpreis- und Belegungsbindungen, so sind dies heute nur noch 650.000. Und in Düsseldorf? Hier liegt der Anteil der Sozialwohnungen am Gesamtbestand nicht bei 20, nicht bei 10, sondern bei 6 Prozent.

 

Im Einzelnen weisen die neuen Wohnanlagen, wen wunderts, durchaus gewisse Ähnlichkeiten auf. Auffälligstes Kennzeichen: Fast überall liegen die neuen 1a-Lagen am Wasser. Entlang der Promenaden von Köln (Kranhäuser, Wohnwerft), Düsseldorf oder Duisburg, an den Kanälen des Ruhrgebiets (insgesamt 572 Kilometer Kanal- und Flussufer) im Münsterland – allerorten haben die Städte Nordrhein-Westfalens ihre bisher vernachlässigten Wasserfronten neu entdeckt. Es gibt Projekte wie „Hamm ans Wasser“ oder die neue „Waterfront Ruhrort Duisburg“, wo 2012 mit dem Aushub für einen 2,2 Hektar großen Niederfeldsee begonnen werden, um 60 Wohnungen zu bauen. Die Marina-Essen am Rhein-Herne-Kanal zwischen Altenessen und Karnap will, geht es nach den Plänen der Betreiber, einen 15.000 Quadratmeter großen Sportboothafen mit etwa 100 Bootsliegeplätzen bauen, um den herum auf rund 7 Hektar Fläche ein Stadtquartier zum Wohnen und Arbeiten in direkter Wasserlage entwickelt werden soll. Auch im ehemaligen Industriehafen Fürst Bismarck in Gelsenkirchen ebenso wie in Mühlheim („Ruhrbania“) entstehen in den kommenden Jahren neue Quartiere in Wassernähe. Überall soll eine neue Urbanität mit maritim geprägter Atmosphäre entstehen – eine neue Leichtigkeit des Seins. Und wenn kein Wasser da ist, dann gräbt man tiefe Kuhlen, füllt sie mit vielen Tausenden von Litern und zaubert nicht nur neue Hafenatmosphären, sondern ganz neue Landschaften hervor, wie auf Phönix im Dortmunder Süden.

 

Waren es ehemals „Medienhäfen“ und „Kreativkais“, d.g. urbane Ausgehviertel, die die Vision einer modernen Dienstleistungsstadt mit Entspannungsqualitäten umzusetzen suchten, setzt sich nun der Trend zu einem beruhigteren Wohnkomfort durch. Konflikte sind bei dieser Entwicklung nicht ausgeschlossen: In Münster, wo sich der alte Stadthafen mit seinem Kreativkai seit 2007 zu einem beliebten Ausgehviertel und Kulturtreff entwickelt hat, kam es zum Konflikt zwischen Feiern und Wohnen. Kernstück ist ein rund 45.000 Quadratmeter großes Gründstück der 2001 insolvent gegangenen Holzfirma OSMO, in deren großen stillgelegten Hallen vom Public viewing bis zum westfälischen Oktoberfest die eigenwilligsten Aktivitäten stattfinden. Vor kurzem wurden sie verkauft, die neuen Eigentümer wollen ein Wohnquartier im Stil Klein-Venedigs mit malerischen Kanälen und viel Grün anlegen. Seit einem Jahr wird in Bürgerveranstaltungen darüber diskutiert, ein Kompromiss ist in Sicht.

 

Das charakteristische Projekt für den neuen Wohntrend aber findet sich wiederum in Düsseldorf. In Oberkassel nicht weit von Julia Stoscheks Medienkunstmuseum entsteht ein Viertel mit 313 Wohnungen und dem trauten Namen „Heinrich-Heine-Gärten“. Der Zugang erfolgt, wenn alles fertig sein wird, durch ein hohes Rundtor, das vage an palladianische Prachtbauten erinnert. Gleich am Eingang wird auch hier die Doorman-Wohnung liegen; es folgen, gegliedert durch Gärten mit hohen Bäumen und einem länglichen Spiegelteich, 4 bis 5-stöckige Wohnhäuser auf meist quadratischem Grundriss, mit zurückversetzten Dachterrassen, in kubischen Grundformen, vor allem aber mit strahlendweißen, neoklassizistischen Fassaden, mit Wohnbalkonen, wie man sie von den Berliner Gründerzeithäusern kennt, mit Buchsbaumhecken vor den repräsentativen Eingängen (Architekten Hilmer & Sattler, München): Es sind nicht zuletzt Übernahmen der englischen Town Houses, die hier in Düsselorf ihren London-Mayfair-Touch selbstbewusst sichtbar machen. Das Marketing passt sich an, auch wenn man sich mit der Angabe von Preisen vornehm zurückhält. Mietpreise: ab 12 Euro den Quadratmeter Kaltmiete, Kaufpreise ab 4.300 Euro/qm – nach oben offen. Die dreistöckige Townhouse-Wohnung mit ihren 220qm ist für unter eine Million Euro noch zu haben. Zu sanften Pianoklängen findet auf der Internetseite auch Heinrich Heines Sehnsucht nach Düsseldorf hier eine denkwürdige Erfüllung. Der Investor, die Frankonia Eurobau AG, die ähnliche Viertel in München, Hamburg und Berlin entwickelt hat, gibt auch gleich die passenden Namen vor: Loreley-Plaza, Maison Fouque, Villa Robert Schu(h)mann.(?) Düsseldorf verändert in großen Teilen sein Aussehen. Die Frage ist nur: Sind wir bereits auf dem Weg zu den neuen gated communities?

 

Frank Maier-Solgk 

 


 

27.01.2012 17:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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