Auf die Paarung kommt es an

Organisierter Glücksfall: Grasskamp trifft auf Mayer

Als 14. Ausgabe der Gesprächsreihe Energien/Synergien ist der Band zu/über/mit Hans Mayer erschienen. Als 2003 Regina Wyrwoll, die Generalsekretärin der Kunststiftung NRW bis 2011, die Reihe mit Walter Grasskamp ausheckte, stand Hans Mayer gar nicht auf der Liste. Ziel war es, die Geschichte des Kunstwunderlands NRW zu erfassen - und zwar einmal nicht als engere Kunstgeschichte, also durch die Brille der Künstler, sondern als erweiterte Kunstvermittlergeschichte, also aus der Perspektive der Netzwerker im Hintergrund. Galeristen waren damit weniger gemeint.

Von Anfang an war es geplant „intelligente Gesprächspaare“ zusammen zu bringen. Das ist ziemlich gelungen. Und entsprechend erweist sich diese Alte-Hasen-Jagd als wertvolles Dokument, weil die Gesprächspartner auf Augenhöhe, gut gewappnet, bestens präpariert und überaus treffsicher ins Feld zogen. Die Bände konnten zu wahren Fundgruben werden, weil darin neben Verschwiegenem, gut gehüteten Betriebsgeheimnissen und gezielten Boshaftigkeiten auch seltenes Archivmaterial, besonders viele „Familienfotos“ aufgenommen sind.

 

Weibblick mit Weitblick. Regina Wyrwoll, Generalsekretärin der Kunststiftung NRW bis 2011. Foto: Burkhard Maus

 

Walter Grasskamp, (geb. 1950 in Kapellen/Erft), selbst Erzrheinländer und Akteur der Goldenen Jahre (u.a. als Chefredakteur von Kunstforum International) hat es bereits auf vier Bände gebracht, so mit Johannes Cladders, Thomas Grochowiak und Kasper König. Mit dem zehn Jahre älteren Hans Mayer nimmt Grasskamp nun doch einen Galeristen aufs Korn (ein früherer Band bringt Heinz-Dieter Schwerfel und Rudolf Zwirner zusammen) und dazu einen, der wie kein Zweiter das besondere Fludium der Düsseldorfer Kunstszene verkörpert, den Stars und Sternchen, den Prominenten und den Schwerreichen nicht minder zugetan, als den Großkünstlern. Wie kein anderer Galerist hat Hans Mayer vorgemacht, wie Kunst sich mit Event paaren läßt, wie Vernissagen mühelos in After-Show-Partys münden. Mayer hat den Glamourfaktor in die Kunst gebracht und „Crossover“ praktiziert, längst bevor das Wort in Mode kam.

 

„Es ist diese Mischung aus Gewinn und Genuss, aus Bildung und Vermittlung, aus Neugier und Kontinuität, vielleicht auch mit ein wenig Neid auf das kreative Vermögen der Künstler gewürzt, die Hans Mayer fünfzig Jahre lang an einen Beruf gebunden hat, “ so Grasskamp im Vorwort. Warum er allerdings glaubt, diesen Galeristen zu einem „Sammler“ aufwerten zu müssen, unterschätzt (immer noch), was Hans Mayer bis heute doch umtreibt: Galerist sein!

 

 

Die Buchreihe, von der sich die Kunststiftung NRW als Herausgeberin gerne trennen möchte, wird der Kölner Verleger Walter König weiterführen. In Arbeit ist das Gespräch zwischen Peter Moritz Pickshaus (der schon den Band mit Nam June Paik vorlegte) und Wulf Herzogenrath.

 

Unser Filmportrait ist anläßlich des 50. Geburtstags der Galerie Hans Mayer und der Verleihung des Art Cologne Preises entstanden.

 

Walter Grasskamps „Reisebericht“ hier (in leicht gekürzter Version) zur Buchvorstellung in der Buchhandlung Walter König in Düsseldorf

 

 

"Gab es einen Bücherschrank?" / "Überhaupt nicht". Walter Grasskamp im Gespräch mit Hans Mayer

 

 

Selbstbehauptung eines unternehmungslustigen Draufgängers

 

Es wird Sie vielleicht überraschen, meine Damen und Herren, daß Hans Mayer und ich etwas gemeinsam haben. - Zu unterschiedlich sind doch, auf den ersten, ja sogar auf den zweiten Blick die Charaktere.

So ist Hans Mayer in einem Beruf seit über fünf Jahrzehnten erfolgreich, in dem ich spätestens nach fünf Jahren pleite gegangen wäre, vermutlich schon nach fünf Monaten.


Denn mir fehlen so gut wie alle Eigenschaften, die man für den Beruf des Galeristen und Kunsthändlers mitbringen muss, und die Hans Mayer sein Berufsleben lang mit Verve ausgespielt hat: Reaktionsschnelligkeit und Organisationstalent; Unternehmungslust und Kontaktfreude; Risikobereitschaft und Konfliktfestigkeit; instinktive Menschenkenntnis und Entscheidungsfreude sowie eine lange Zeit offenbar auch solide Trinkfestigkeit bei stets wachem Geschäftssinn.


Zu verschieden sind nicht nur unsere Charaktere, sondern auch die Lebensläufe. Hätte ich seinen Beruf nicht ausüben können, so wäre im Gegenzug Hans Mayer auch meiner verschlossen geblieben, weil er nämlich seine Schulkarriere schon nach der 10. Klasse abschloß - mit großer Erleichterung, wie es scheint, aber ohne gravierende Folgen.


Denn es wäre falsch zu glauben, daß damit der Bildungsweg des jungen Hans Frieder Mayer beendet gewesen wäre, hatte er doch - in seiner Herkunftsstadt Ulm – einzigartige Alternativen zum ungeliebten Schultrott direkt vor der Haustür.


Damit meine ich nicht nur die damalige Ulmer Volkshochschule, die in den 1950er Jahren um Otl Aicher auch ein visuelles Bildungserlebnis war und als Ersatz für die ungeliebte Schule vielleicht schon ausgereicht hätte. Ich meine vor allem jene Hochschule, die einst das Bauhaus-Erbe in Ulm wieder fruchtbar zu machen versuchte – die heute legendäre Hochschule für Gestaltung.


Denn es war genau das Milieu der Dozenten und Studierenden dieser Hochschule, in dem Hans Mayer sehr schnell lernte, was er für seinen Beruf als professioneller Kunstvermittler später gut gebrauchen konnte.


Hier war er sozusagen ein imbedded student, ein ausdauernder Gaststudent bei seinen frei gewählten Lehrern und Freunden Almir Mavignier und Max Bill, während er wochentagsüber offiziell einer Lehre als Industriekaufmann nachging.


Als diese Tätigkeit ihn direkt anschließend nach Dortmund führte, war es dann Albert Schulze-Vellinghausen, in dem Hans Mayer seinen dritten prägenden Mentor fand. Bei ihm schloß er sein Intensivstudium der Klassischen Moderne und vor allem der Gegenwartskunst ab, das er im übrigen damals an keiner Universität hätte belegen können.


Der damalige „Kulturpapst“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Schulze-Vellinghausen, führte den immer noch sehr jungen Hans Mayer nicht nur in die Literatur und das Theater ein. Er empfahl ihn auch zu allen wichtigen Schauplätzen der Gegenwartskunst zu pilgern, auf denen sich das Rheinland der 1960er, 70er und 80er Jahre westeuropäisch profilierte – in einer überaus glücklichen Phase seiner Provinzialgeschichte, die ich miterleben durfte, auch wenn ich dabei anfangs sicher sehr viel weniger kapiert habe als der genau ein Jahrzehnt ältere Hans Mayer.

 

Es charakterisiert übrigens sein Temperament ziemlich gut, daß er fast alles, was er für sein langes Galeristenleben brauchte, im Stile eines persönlich, ja freundschaftlich vermittelten Crashkurses gelernt hat, man könnte auch sagen, in einer Art soziokultureller Osmose - wohingegen ich umsichtig und brav eine nach der anderen akademischen Prüfung ablegte, bis ich schließlich in den Beruf fand, in dem ich mit meiner - reichlich spät wahrgenommenen - Begabung überleben konnte, dem Schreiben.


Das wiederum ist nicht gerade die Stärke von Hans Mayer, genauso wenig wie er gerne Reden hält, sondern lieber gute Redner zu seinen Eröffnungen eingeladen hat – von Max Bense bis Helmut Heissenbüttel, von Werner Spies bis Maximilian Schell, von Arnold Bode bis Harald Szeemann und eben auch Albert Schulze Vellinghausen.

 

Dafür wusste Hans Mayer aber, anders als ich, schon mit 25 Jahren ganz genau, was er machen wollte - eine Galerie betreiben, und das tat er von Beginn an mit einer Fortune, die nicht nur durch seine Ausdauer und Hartnäckigkeit zu erklären ist, mit seiner schnellen Auffassungsgabe und künstlerischem Gespür.


Dafür braucht es mehr, wie die Lebenswege anderer Galeristen und Kunsthändlern belegen, die auch damals angefangen, es aber nicht auf fünf Jahrzehnte einer erfolgreichen Tätigkeit gebracht haben.

 

Was uns beide aber vor allem unterscheidet, ist die Reiselust – eine Eigenschaft, die ein Galerist und Kunsthändler im Zeichen der heute vorherrschenden Vermarktung über Messen und Biennalen unbedingt haben muss – zumindest als Reisebereitschaft.


Die hat mir immer gefehlt, denn ich bin ein geborener Stubenhocker, was bereits meine tatkräftige Mutter aufregte, wenn ich in den Volksschulferien schon morgens stundenlang vor dem Radio saß. Sie sehen, schon damals war ein bißchen Medienerziehung vonnöten!

 

Trotz dieser unterschiedlichen Dispositionen haben Hans Mayer und ich aber eine gemeinsame Reise unternommen. Die führte uns nicht zu einer der Messen, die Hans Mayer regelmäßig bespielt; vielmehr war es eine Reise in die Vergangenheit – sowas gehört eher zu meinen Spezialitäten.


Der Reisebericht, der daraus hervorgegangen ist und heute als Buch vorliegt, ist nicht nur einer über die Bildungsbiografie und das Galeristenleben von Hans Mayer, sondern auch einer über das Kunst- und Geistesleben der Nachkriegsrepublik Deutschland.


Dafür war das Rheinland in der bereits gepriesenen Phase der ersten vier Nachkriegsjahrzehnte hierzulande das internationale Kunstzentrum, nicht zuletzt wegen der Düsseldorfer Kunstakademie und der Gründung des Kölner Kunstmarktes, an der Hans Mayer mit 27 Jahren beteiligt war.


In dieser unangefochtenen Glanzzeit des Rheinlandes spielte Hans Mayer eine prägende Rolle wie wenige neben ihm, obwohl er, anders als ich, einen allerdings kaum mehr hörbaren Migrationshintergrund hat.

 

Es wäre allerdings zu wenig zu sagen, daß die Bildungs- und Handlungsbiografie Hans Mayers diesen Reisebericht wie einen roten Faden durchzieht. Denn das Buch erzählt vor allem die Geschichte einer Selbstbehauptung - der Selbstbehauptung eines unternehmungslustigen Draufgängers von ansteckender Begeisterungsfähigkeit in einem anfangs abenteuerlichen, dann überraschend prosperierenden, schließlich sogar charismatischen, heute aber überaus heikel gewordenen Feld der Kunstvermittlung – eben in einer Galerie für zeitgenössische Kunst.

 

Die Bildungsgeschichte von Hans Mayer hat ihn dafür prädestiniert, denn er hat seine Kunstvermittlung nie isoliert als ein reines Galeriegeschäft betrachtet, sondern von Beginn an auch Protagonisten aus allen anderen Bereichen einbezogen - die Musik wie die Mode, die Literatur wie die Kybernetik, die Architektur wie die Philosophie, das Theater wie jede Art von Musik zwischen Jazz, Elektronik, Minimal Music und Pop sowie auch solche Hybridformen, von denen mein ehemaliger Kollege an der Münchner Akademie, Markus Oehlen, heute bewegendes Zeugnis ablegt – mit selten gehörter Musik, wie Dieter Roth das zu nennen pflegte.


Genau dieses Mayer’sche crossover war es, angesiedelt zwischen elitärer Avantgardeästhetik und breitem Kunstmarkt, zwischen Op und Pop, was mich an dieser Reise in die Vergangenheit besonders interessiert hat - daß es eben nicht nur um die Geschichte des Kunsthandels ging, sondern auch um ein Stück persönlich erzählter Kulturgeschichte aus Nordrhein-Westfalen.

 

Genau das ist das Prinzip der Buchreihe energien synergien, in der dieser Reisebericht als inzwischen 14. Band erschienen ist. Begründet wurde sie von Regina Wyrwoll, die damals die Kunststiftung NRW maßgeblich prägte.


Sie kann heute leider nicht hier sein, aber wir danken der Kunststiftung NRW dafür, daß sie die Buchreihe weiterhin unterstützt, vor allem Barbara Könches.


Wir danken auch Walther König, dem Verleger, der seine Lehrjahre in der Bücherstube am Dom zubrachte, in der Albert Schulze-Vellinghausen Teilhaber war und übermorgen, am 29. Juni, spät, aber wohl verdient, den Kulturpreis der Stadt Köln erhält. …

 

Unsere Reise hat übrigens mit Unterbrechungen über drei Jahre gedauert. Verabredet wurde sie, wie ich meinen Kalendern entnommen habe, am 21. Juli 2014 hier in der Galerie, also fast auf den Tag genau vor drei Jahren. Ich war damals sehr neugierig auf das Archiv von Hans Mayer, der jede Ausstellung und jede Eröffnung von Anfang an durchfotografieren ließ – ein einzigartiges Quellengebiet für einen Historiker. Auch alle Einladungen sowie alle Plakate, mit deren Gestaltung die Galerie Hans Mayer sich von Beginn an profilierte, waren mir versprochen worden.


Freilich erkannte ich auf Anhieb, daß dabei die eigentliche Tugend einer solchen Selbstarchivierung noch nicht unter Beweis gestellt worden war – das Aufräumen, das ist eindeutig nicht Hans Mayers Stärke. - Ein Kunsthändler, der anfangen würde, seine Unterlagen aufzuräumen, könnte freilich auch gleich einpacken. Deshalb braucht es Leute, die ihn dazu bewegen. Manchmal ist es das Finanzamt, das eine Betriebsprüfung avisiert - das ist dann weniger enthusiasmierend - aber manchmal sind es auch Historiker wie ich. Jedenfalls sollte dann es dann mit allen Vorbereitungen und Terminabgleichungen bis zum 10. August 2015 dauern, daß uns die Interviewsitzungen und Bildrecherchen hier im Haus tagelang beschäftigt haben.


Dann hat es noch einmal zwei Jahre gedauert, bis das Buch fertig war.


Ohnehin hatten wir nie den Zeitdruck, die beiden Geburtstage - 75 Jahre Hans Mayer und 50 Jahre Galerie Hans Mayer - einhalten zu müssen, die wir somit locker um rund zwei Jahre verpasst haben.

 

Aber jetzt sind wir mit der kulturellen Betriebsprüfung der Galerie fertig: Nicht alle Künstler, die unbedingt hätten erwähnt werden müssen, sind erwähnt; nicht alle Fotografien, die den Abdruck wert gewesen wäre, haben wir gefunden; nicht alle Personen auf den Bildern konnten namhaft gemacht und nicht jeder Fotograf identifiziert werden, nicht alle wichtigen Werke wurden abgebildet und nicht alle Geschichten erzählt.


Aber es ist von all diesem genug in unserem Reisebericht, daß Sie sich wundern werden!

 


Walter Grasskamp

 

Buchcover

 

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Die andere Ecke

Angeschaltet. Kunst-Kraftwerk Hans Mayer

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29.06.2017 12:40 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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