Aug im Aug mit der Avantgarde

Stille Größe, europäische Geltung: Rosemarie Schwarzwälder führt die Galerie nächst St. Stephan durch alle Turbulenzen des Kunstmarktes

Wie wird eine Galerie Kult? Keine Frage: Die Galerie nächst St. Stephan ist eine Institution. Das war sie eigentlich gleich mit der Gründung 1954. Sie ist aber auch ein Wunder und überdies ein Glanzstück Europas im Herzen der Altstadt Wiens, gleich hinter dem Stephansdom gelegen.

Es zeigt sich hier, wie sonst vielleicht nirgends in der schonungslos globalisierten Kunstwelt, wie eine Galerie, die sich der Gegenwartskunst verschrieben hat die (eigene) Tradition immer wieder vom Sockel stößt, um die Zukunft zu gewinnen. Je penetranter und länger sie das durchsteht, desto mehr Ruhm und Glanz fällt auf das Unternehmen selbst und wird schließlich zu einer Tradition höherer Ordnung. Gemäß Trotzkis Konzept von der permanenten  Revolution erneuert sich nächst St. Stephan immer wieder neu, um sich treu zu bleiben.

Nach wie vor residiert die Galerie an der alten Adresse, Grünangergasse 1, unverändert in den drei Altbauräumen im ersten Obergeschoss, in denen Monsignore Otto Mauer schon 1954 seinen Kunstverein „Galerie St. Stepan“ gründete. Diese Urzelle des Wiener Ausbruchsversuch aus der selbstverschuldeten Provinzialisierung feiert in diesem Jahr ihr sechzigjähriges Bestehen. Nie gab es den Versuch, eine Dependance in einem der neuen Kunsthauptstätte, New York, London oder Berlin zu gründen. Nie ist man überhaupt einem Trend nachgelaufen, oder hat sich auf eine einzige Goldader versteift. Und doch, trotzdem und gerade deshalb ist nächst St. Stephan über die Jahre zu einer führenden internationalen Galerien gereift und hat ganz Wien irgendwie mitgerissen auf dem Marsch durch Inkrustationen.

12, 13 Kunstmessen übers Jahr sind eine rekordverdächtige Packung. Nur Ursula Krinzinger schafft mehr. Die Liste „Internationale Ausstellungen“, die die Galerie auf ihrer homepage regelmäßig veröffentlicht, wird von Jahr zu Jahr länger. Die eindrucksvolle Leistungsbilanz, die alle  Ausstellungen der 22 Galerie-Künstlern von Polly Apelbaum über Katharina Grosse und Karin Sander zu Manfred Pernice, Adrian Schiess und Christoph Weber aufführt, zeigt , dass die Galerie viel mehr ist als ein Salon mit angeschlossenem Verkaufsraum.  

 

Durchblick. Rosemarie Schwarzwälder auf der art cologne beim Kundengespräch. Im Vordergrund die Kunst, hier eine Plasitk von Katharina Grosse

 

Bei der Frage, was nun das eigentliche Betriebsgeheimnis der Galerie nächst St. Stephan ist, stößt man unwillkürlich auf Rosemarie Schwarzwälder. Sie verbindet in ihrem Wesen einen ausgeprägt kaufmännischen Sinn mit der wachen Neugier auf Kunst. Nach wie vor ist ihr der Atelierbesuch bei ihren oder etwa neu zu gewinnenden Künstler „das Wesentliche“. Ihre Leidenschaft für die Kunst ist ungebremst, doch gesellt sich dazu eine erstaunliche Gelassenheit und schöne Demut. So konnte Rosemarie Schwarzwälder selbst in Wien, wo die Auseinandersetzungen schon mal härter geführt werden, selbst zu einer unabhängigen Position und internationalen Größe werden, ohne ihren Charme und ihre Offenheit zu verlieren, dem sie jedem entgegenbringt, der sich auf die Kunst unserer Tage einlassen will. 

C. F. Schröer

 

 

Rosemarie Schwarzwälder von der Wiener Galerie nächst St. Stephan erhält den Art Cologne-Preis 2014. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis würdigt herausragende Leistungen der Kunstvermittlung; er wird vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und der Koelnmesse jährlich anlässlich der Art Cologne vergeben. Mit dem Preisgeld hat Rosemarie Schwarzwälder die Druckkosten zum Katalog ihrer famosen Ausstellung "word + work" mit 14 internationalen Künstlern bestritten, der pünktlich zu Beginn der Art Cologne ausgeliefert werden konnte.

Die Galerie wurde 1954 von Otto Mauer gegründet, dem legendären Priester und Prediger des Wiener Stephansdom, der auch ein bedeutender Sammler und Wegbereiter der Wiener Avantgarde nach dem 2. Weltkrieg wurde. Seine umfangreiche Sammlung österreichischer Kunst des 20. Jahrhunderts befindet sich  heute im Wiener Dommuseum. In dessen Nachfolge wurde die Galerie seit 1973 von dem Künstler und späteren Rektor der Wiener Hochschule für angewandte Kunst, Oswald Oberhuber, geleitet. Er holte 1978 die Basler Kunstjournalistin Rosemarie Schwarzwälder in die Galerie, 1987 wurde sie deren Inhaberin. Unter ihrer Ägide entwickelte sich die Galerie nächst St. Stephan zu einer Institution, die sich höchster Anerkennung in der internationalen Kunstwelt erfreut.

 

 

 

 

Laudatio auf Rosemarie Schwarzwälder anlässlich der Verleihung des Art Cologne-Award 2014

von Prof. Dr. Robert Fleck, Prorektor der Kunstakademie Düsseldorf


Das wesentliche Tor zur Welt für die Kunst


Wenn wir heute die Vergabe des Art Cologne-Preises 2014 an Rosemarie Schwarzwälder begehen und feiern, so geht es um eine sehr erfolgreiche Galeriearbeit – über 35 Jahre lang am gleichen Ort, in der Galerie nächst St. Stephan, Grünangergasse 1. Aber zugleich wird noch weit mehr geehrt und anerkannt. Ich will hier nur zwei Aspekte herausgreifen: RMS entwickelte über diesen langen Zeitraum über eine sehr große Treue, was sehr wichtig ist, für alle Beteiligten – die Künstler, die Sammler, die Galeriekollegen, die Museumsleute. In besonderem Maß hat sie ihre Künstler begleitet und es ihnen durch die Galerie wesentlich mit ermöglicht, ihr künstlerische Arbeit weiterzuführen, für sie eine Öffentlichkeit zu finden usw. Und das ist ein sehr wesentlicher Aspekt jeder guten Galeriearbeit.

 

Und zugleich, wie jeder hier in diesem Saal ja weiß, steht RMS wie ganz wenige oder kaum ein anderer Galerist für eine ganz besondere Haltung zur Kunst, die in und mit der Galerie vertreten wird.


Diese Haltung und diese Leitlinie bestehen nicht aus einer Künstlergruppe, nicht aus einer künstlerischen Richtung innerhalb der aktuellen Kunst, nicht aus einem Programm im strengen Sinn, sondern vielmehr aus einer Haltung, die man damit zusammenfassen kann, dass Kunst eine geistige Sache sei und dass Kunst nur dann den großen Einsatz wert ist, den jedes Kunstwerk bedeutet und erfordert, wenn der Künstler und das Kunstwerk eine geistige Durchdringung der Welt zumindest versuchen. Wir sehen damit auch, wie weit wir mit einer solchen Haltung entfernt sind von den Schlagzeilen über den spekulativen Kunstmarkt, die aktuell durch den Blätterwald rauschen. Das meint alles andere als ein Statement gegen kaufmännische Professionalität, für die RMS im Gegenteil ein wesentliches Beispiel darstellt. Eine Galeriearbeit, wie wir sie heute ehren, hat nichts mit der Spekulation um finanzielle Werte von Kunstwerken zu tun. Galeriearbeit ist in diesem Sinn eine Arbeit für die Künstler, ihre Durchsetzung und die Kontinuität ihrer Wahrnehmung, sowie die öffentliche Behauptung, dass Kunst eine geistige Angelegenheit sei.

 

Die Haltung von RMS in ihrer Galerie, besteht grob gesagt darin: man verteidigt keinen bestimmten Stil, sondern die ethische Position, dass Kunst eine geistige Angelegenheit sei, und das ermöglicht es, die Galerie für Künstlerinnen und Künstler mit unterschiedlichen formalen und ästhetischen Ausdrucksmitteln einzusetzen - der Vorgang ist von Seiten des Galeristen ja so:  Man setzt die Galerie, d.h. einen rentablen Betrieb, für diese und jene Künstler ein, die einem wichtig erscheinen, für die Künstler und ihren Werdegang.

 

Die Galerie Nächst St. Stephan/RMS vertritt heute unter anderem: Herbert Brandl, Ernst Caramelle, Heinrich Dunst, Helmut Federle, Bernard Frize, Katharina Grosse, Imi Knoebel, Lee Ufan, Karin Sander, Jörg Sasse, Adrian Schiess, Jessica Stockholder, Joelle Tuerlinckx und James Welling.


Sehr viele von ihnen sind heute gekommen, was zeigt, wie wichtig die Galeriearbeit für ihr eigenes Fortkommen als Künstler ist. Seit RMS 1984 diese „Galeristenposition“ definiert hat, damals besonders im Dialog mit Helmut Federle, den man in dieser Geschichte nicht vergessen darf‚ Kunst sei eine geistige Angelegenheit, in diesen dreißig Jahren hat sich diese Liste nicht wesentlich verändert, sich nur bedächtig erweitert. D.h.: diese Galerie ist ihren Künstlern treu, und wenn man einige dieser Künstler kennt, kann man hinzufügen: die Künstler sind auch der Galerie treu geblieben. Kontinuität ist eine überaus wichtige Sache in der Beziehung von Galerien und Künstlern.

 

Eine „Galerie mit Programm“, ist das nicht gefährlich für die Künstler? Bekommen sie damit nicht ein Etikett? Die Frage ist berechtigt. Ich würde sie so beantworten, dass die Galerie nächst St. Stepahn nicht eigentlich eine Galerie mit Programm ist, sondern eine Galerie, die von RMS auf einem ethischen Grundsatz neu aufgebaut wurde. Wir kennen die Unterscheidung von Ethik und Moral in der Philosophie. Die Moral kommt von außen, sie wird von Religionen, politischen Parteien, von pressure groups und Medien auferlegt. Die Ethik kommt von innen. Die Ethik gibt das Individuum sich selbst. Der Grundsatz, dass Kunst eine geistige Angelegenheit zu sein hat, wenn sie der Kunst Wert sein will, ist ein ethischer Grundsatz. Eine Galerie, die sich an einer solchen Anschauung der Kunst orientiert, gibt den Künstlern einen geistigen Raum, ohne sie auf eine ästhetische Linie, einen bestimmten Ansatz, eine Generation festzulegen. Sie ist nie dogmatisch und verfolgt keine ideologische Position, sie ist immer offen und vor allem sehr „lernbereit“, immer in Bewegung  und nie vom Grundsatz abzubringen, dass Kunst eine geistige Sache ist und nur dann die Arbeit wert ist. Das in einer Galerie zu betreiben und gleichzeitig Öffentlichkeit und Breitenwirkung zu erzielen, wird heute besonders geehrt.     

 

Die Galerie nächst St. Stephan RM steht für keine Generation. Doch hat sie immer wieder neu gelernt von und mit jüngeren Künstlern darunter besonders Michal Budny, Daniel Knorr, Sonia Leimer, Isa Melsheimer und anderen.


Die Geschichte der Galerie nächst St. Stephan seit 1984, als RMS diesen ethischen Grundsatz festhielt, ist durch thematische Ausstellungen geprägt – und einflussreiche, sie dokumentierende Publikationen - die immer wieder, sogar sehr konstant, die (unsichtbare) Grenze oder Membran zwischen der Moderne und der zeitgenössischen Kunst thematisieren, die sie früh aufgespürt hat.: „Zeichen, Fluten, Signale“, eine Ausstellung als Paradigmenwechsel im Frühherbst 1984, in der die Zusammenarbeit mit Helmut Federle begann, „Abstrakte Malerei in Europa und Amerika“, 1986, „Abstrakte Malerei zwischen Analyse und Synthese“, 1992, „Conditional Painting“, 1994, zuletzt „Word & Work“ im vergangenen Herbst, mit u.a. Joseph Beuys, Louise Bourgeois, Alice Creischer, Andreas Fogorasi, Andrea Fraser und Liam Gillick und anderen Künstlern. Wir sehen, wie künstlerisch offen eine Galeriearbeit auf einer solchen Grundlage sein kann.

 

Mit RMS wird erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Art Cologne-Preises eine Schweizerin oder ein Schweizer geehrt – nach Harald Szeemann 1989 -, und zum ersten! Mal jemand, der in Österreich arbeitet. Zum zwölften Mal eine Frau, und mit RMS wird in der Geschichte des Art Cologne-Preises zum zwölften Mal eine Vertreterin oder ein Vertreter des Kunsthandels und des Galerienwesens. Der Art Cologne Preis wird vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler vergeben, ist aber nicht ein Preis für Galeristen, sondern für herausragende Leistungen in der Vermittlung zeitgenössischer Kunst. Damit unterstreicht dieser Art Cologne Preis nachdrücklich die Rolle und die Bedeutung der Galerien im heutigen Kunstsystem, und das völlig zu recht. Die Galerien sind heute mehr denn je die wesentlichen Begleiter der Künstler und das wesentliche Tor zur Welt für die Kunst. Die professionell, international und langfristig arbeitenden Galerien sind ein wesentlicher Faktor der Kontinuität für die Künstler – nicht der einzige, aber wohl der wesentlichste Faktor der Kontinuität für die Künstler, neben dem Künstler selbst, den Sammlern, Vermittlern usw. Die Galerien sind unerlässlich als Multiplikatoren, für die Verbreitung und – noch wichtiger – für die finanzielle Kontinuität, die finanzielle Absicherung der künstlerischen Arbeit und damit für die Möglichkeit, dass eine künstlerische Arbeit überhaupt geschaffen wird und auf dieser Seite eine Kontinuität entsteht. In diesem Sinn unterstreicht der diesjährige Art Cologne Preis stellvertretend in RMS die Bedeutung der ganzen Profession, und das geschieht völlig zu recht. Die Bedeutung der

Galerien als Partner der Künstler, der Sammler, der Museen, der Kunstkritik und des Publikums kann man nicht genug unterstreichen.

 

Gestatten Sie mir, mit einigen persönlichen Bemerkungen zu enden. Was RMS über das Gesagte hinaus kennzeichnet, sind eine unspektakulär und unauffällig praktizierte Korrektheit und Ehrlichkeit. Das kommt wohl aus dem protestantischen Geist in Basel, bevor es sie 1970 nach Wien verschlug. In den 35 Jahren, in denen RMS nun die GnSS leitet, kenne ich keinen Fall, der nicht – unspektakulär – völlig korrekt abgelaufen wäre. Wer kann so etwas in seinem eigenen Berufsleben schon sagen?


Dass nahezu das gesamte Team der GnSS-RMS heute hier anwesend ist, zeugt ebenso von dem guten Betriebsklima wie der Umstand, dass die beiden Söhne, Nikolaus und Raphael Oberhuber, auch beide Galeristen geworden sind, auch sehr erfolgreich, und ihnen die Mitarbeit in der Galerie offensichtlich die Lust auf das Galeristendasein nicht verdorben hat.

 

Im Januar 1978 war die erste Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan unter der neuen Geschäftsführerin RMS zu sehen. Zu sehen gab es junge Kunst, Caramelle, Baldeweg, Vana, Patricia Caire, und andere  – ungewöhnliche Form, leichtfüßige Konzeptkunst, Editionen. Da kam auf einmal ein frischer Wind auf; ich wurde auch als 20jähriger Besucher gleich irgendwie eingebunden, irgendwas zu tun, lernte die Künstler kennen, das damals winzige Team der Galerie, das ging ruck zuck, sofort war ein Teamgeist da. Das blieb bis heute immer so offen. Damals ergab sich eine witzige Situation. Rosemarie hat sich im Januar 1978 einmal uns etwas jüngeren Leuten zugewandt und gesagt, so spontan wie sie sein kann: „Aber Ihr nehmt mich beim Wort: ich mache diesen Job zwei Jahre und keinen Tag länger!“ Es ist schon gut, dass Du nicht Ende 1979 wieder aufgehört hast.

 

Als RMS am 1.1.1978 als Geschäftsführerin der Galerie nächst St. Stephan  angestellt wurde, gab es in Wien keinen Kunstmarkt und keine ausländischen Besucher. Die Stadt war vom Eisernen Vorhang fast eingezäunt und der Wien-Tourismus begann erst 1983/84. In diesem Zusammenhang ist der heutige Doppelname der Galerie, „Galerie nächst St. Stephan- Rosemarie Schwarzwälder“, auch galeriegeschichtlich interessant. Die Galerie wurde im Herbst 1954 von Monsignore Otto Mauer unter dem Namen „Galerie St. Stephan“ gegründet. Otto Mauer war der Domprediger des Stephansdoms, Kunstfreund und begnadeten Redner über Kunst. Seit 1962 heißt die Galerie „Galerie nächst St. Stephan“, weil die katholische Kirche sich von ihrem Domprediger auf Grund seines Ausstellungsprogramms distanzierte. Die Galerie nächst St. Stephan war seit 1954 die Heimstätte der Avantgardekunst in Wien, nach dem frühen Tod von Otto Mauer im Jahr 1973 von Oswald Oberhuber geleitet, der 1978 RMS die Geschäftsführung übergab.

 

Obgleich von einem Priester gegründet, hatte die Galerie nächst St. Stephan nie etwas Dogmatisches, aber immer den Anspruch, dass Kunst ein geistiges Ereignis sei. In dieser Hinsicht hat RMS in der Diskontinuität, die sie 1984 mit ihrem selbstständigen Programm einführte, die Kontinuität gewahrt. Otto Mauer wäre heute sicher einverstanden mit dem Programm der Galerie.


Was für eine unkonventionelle Persönlichkeit Otto Mauer darstellte: Bei der Eröffnung des ersten „Kunstmarkts“ in Köln 1967 zog Otto Mauer mit dem damals fast vollständig versammelten Kunstbetrieb der zeitgenössischen Kunst hier in Köln die ganze Nacht von einem Lokal zum anderen. Am frühen Morgen kam die übernächtige Gesellschaft am Kölner Dom vorbei. Otto Mauer winkte die Menge ins Innere des Doms, sagte, man möge sich kurz setzen, verschwand in einer Nebentür, erschien dann im Priestergewand wieder und las vor dem versammelten, verblüfften Kunstbetrieb die Morgenmesse, die der diensthabende Priester ihm abgetreten hatte.

 

1978, als RMS die Leitung der Galerie übernahm, war die Galerie ein Kunstverein und eine vom Kunstverein betriebene GmbH. RMS war als Geschäftsführerin eine Angestellte. 1984 definierte sie die bis heute durchgehaltene geistige Linie. 1987 hat sie die GmbH „Galerie nächst St. Stephan“ gekauft. Seither heißt die Galerie „Galerie nächst St. Stepan-Rosemarie Schwarzwälder“. Wie oft gibt es das schon, dass jemand als Angestellter in einen Betrieb kommt, dann aus eigenen Kräften erwirbt und zu einer internationalen Präsenz im gegenwärtigen Kunstgeschäft ausbaut!


Zusammen mit Ursula Krinzinger, Grita Insam, Peter Pakesch, Thaddaeus Ropac, Ernst Hilger, Elisabeth und Klaus Thoman, Georg Kargl und Christian Meyer/Renate Kainer, John Sailer und Gabriele Wimmer, Helga Krobath, Thomas Salis und anderen hat RMS seit 1978 auch die Grundlagen dafür gelegt, dass es heute in Österreich einen international präsenten, weltweit vernetzten und lebendigen Kunstmarkt gibt.

 

In den späten siebziger Jahren war alles noch recht primitiv. Die Galerie nächst St. Stephan war eigentlich keine Galerie, sondern ein Kunstverein. Gleichwohl fand, auch in diesen frühen Jahren, als ich da mitarbeiten durfte, in jedem Monat eine neue Ausstellung statt. Das erforderte den Massenpostversand der Einladungen, die auf einer billigen Druckmaschine gedruckt waren. Der Schalter für die Massenpost im Wiener Hauptpostamt schloss um 22 Uhr. Einmal kam ich mit den 1500 kuvertierten Einladungen ergebnislos zurück. Wir hatten vergessen, auf jeden Briefumschlag den Stempel „Postgebühr bar bezahlt“ anzubringen. Rosemarie reagierte typisch für sie: kein Wutanfall; sie trommelte in Windeseile alle, die sich in der Galerie befanden, zusammen – wir waren wohl fünf Leute–, sagte, „das geht sich noch knapp aus.“ Also stempeln wir alle so schnell wie möglich, aber Rosemarie stempelt einfach fünf mal schneller, wie eine Maschine. Auf die Frage: „Woher kannst Du denn das?“, sagte sie: „Ich bin ja aus einer Kaufmannsfamilie in Basel.“ Die Briefumschläge kamen noch rechtzeitig wieder zur Hauptpost und wir waren uns klar: „Die kann das.“

 

Gestatten Sie mir eine letzte Bemerkung: Markus Brüderlin ist leider heute nicht unter uns. Wie Sie wissen, ist er vor einigen Wochen überraschend und jung verstorben. Er war noch zu dieser Veranstaltung angemeldet. Markus Brüderlin lernte man natürlich auch in der Galerie von RMS kennen, etwa 1979/80. Er war aus der Schweiz zum Studium bei Bazon Brock nach Wien gekommen und blieb der Galerie immer eng verbunden und mit RMS im Gespräch. Von ihm kann man wohl sagen, dass er die Haltung zur Kunst, die RMS vertritt, unter den Museumsleuten wohl am engsten und kontinuierlichsten praktiziert hat. Der Erfolg seiner Ausstellungen im Kunstmuseum Wolfsburg unterstreicht damit die Tragfähigkeit der Haltung zur Kunst, die wir heute an RMS auszeichnen.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Robert Fleck. Cyklist und Vizerektor bei der Arbeit, © Burkhard Maus"

 

Wichtige Künstler für Rosemarie Schwarzwälder, die entweder in Einzelausstellungen, oder wiederholt in Gruppenausstellungen gezeigt wurden:

 

JOSEF ALBERS

JOHN ARMLEDER

ALAN CHARLTON

DAN FLAVIN

GAYLEN GERBER

FRANZ GRAF

DONALD JUDD

PETER KOGLER

SOL LEWITT

SHERRIE LEVINE

BRICE MARDEN

JOSEPH MARIONI

AGNES MARTIN

GERHARD MERZ

MARIO MERZ

ROBERT MANGOLD

DAVID RABINOWITCH

GERHARD RICHTER

GERWALD ROCKENSCHAUB

REINER RUTHENBECK

ROBERT RYMAN

NIELE TORONI

HEIMO ZOBERNIG

 

 

Künstler der Galerie nächst St. Stephan

ADAM ADACH   

POLLY APFELBAUM           

SABINE BOEHL          

HERBERT BRANDL             

MICHAL BUDNY         

ERNST CARAMELLE          

HEINRICH DUNST      

HELMUT FEDERLE   

BERNARD FRIZE       

RAINER GANAHL       

KATHARINA GROSSE        

ANETA GRZESZYKOWSKA        

AGNIESZKA KALINOWSKA         

LUISA KASALICKY     

IMI KNOEBEL     

DANIEL KNORR          

LEE UFAN          

SONIA LEIMER           

ISA MELSHEIMER      

MANFRED PERNICE           

KARIN SANDER          

JÖRG SASSE   

ADRIAN SCHIESS    


11.04.2014 14:06 (Kommentare: 2) | Weiterempfehlen

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von celina jure | 12.04.2014


diese Frau ist sehr toll. danke für den interview

 

Kommentar von Helga Beisheim | 12.04.2014


Danke für den Beitrag mitsamt der Rede.