Der den Bogen am weitesten spannt

Fred Jahn ist der Galerist der Stunde

Schon als junger Mann muß Fred Jahn, geb. 1944, ein ungewöhnlich ausgleichendes Wesen gehabt haben. Er kam, wie die meisten in den frühen sechziger Jahren, die später einmal „die goldenen Jahre“ genannt werden sollten, als Quereinsteiger zur Kunst. Als gelernter Großhandelskaufmann zog er 1962 nach München, um erst einmal in die Theater und Verlagsszene einzutauchen, 1964 machte er ein Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung. Nebenher trieb er sich in den wenigen Galerien herum, die München damals zu bieten hatte und nahm schnell die Spur zu der Galerie auf, die die „progressivste“ war: Friedrich + Dahlem. Die beiden erst 26 Jahre alten Junggaleristen Heiner Friedrich und Franz Dahlem hatten ihren ersten bescheidenen Galerieraum im Sommer 1963 auf der Maximilianstraße 15 eröffnet, der Münchner Prachtstraße. Nur ein paar Häuser entfernt betreibt Fred Jahn noch heute seine Galerie, Maximilianstraße 10, 2. Obergeschoss.

Seßhaftigkeit gepaart mit Überblick darf man als zwei weitere Eigenschaften dieses Galeristen und bibliophilen Kunstexperten entdecken.

 

 

Besonnen und besonders

Sein ausgleichendes Wesen sorgte dafür, dass er gleichzeitig mit zwei so umtriebigen, wie konkurrierden Galeristengrößen wie Heiner Friedrich und Michael Werner ins Geschäft kam. Als sich Friedrich nach Köln und New York orientierte avancierte Jahn zu dessen Geschäftsführer in München und bezog Künstler der Galerie Werner ins Galerieprogramm ein, besonders Georg Baselitz.

Fred Jahn wurde ab 1972 Berater und Galerist von Christian Graf Dürckheim, der wie später Hans Grothe, eine einzigartige Sammlung deutscher Kunst mit frühen Arbeiten von Malern wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, Blinky Palermo, Georg Baselitz und Eugen Schönebeck aufbaute. Fred Jahn war der einzige unter den Galeristen, der den Bogen von Blinky Palermo und Gerhard Richter zu A.R. Penck und Markus Lüpertz spannte – also von Künstlern, die der amerikanischen Konzeptkunst anhingen bis zu den neuexpressionistischen Malern. Die Kontroversen dieser Entwicklung hat Fred Jahn mitgeführt und unerschrocken austariert. Er verstand es, zwischen den unterschiedlichen Künstlern und ihren Sammlern zu vermitteln und fand selbst zu der rebellischen Ausnahmefigur eines Franz Dahlem ein passables Verhältnis.

Als Rudolf Zwirner Dahlem unlängst in seinem Haus in Oberbayern mit dem Auftrag aufsuchte, um ihm den Art Cologne-Preis 2013 anzutragen, spottete Dahlem über das niedrige Preisgeld und verlangte glatt das zehnfache. So kam Fred Jahn zum Zug, um Preis und Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro im Kölner Rathaus dankend entgegen zu nehmen.

 

 

Lang erkämpfte Unabhängigkeit

Längst ist Fred Jahn selbst einer der Großen geworden. Weder die Ausstellung der Sammlung von Michael Werner im Musée de la Ville de Paris, noch die von Heiner Friedrich im „DASMAXIMUM“ im nahen Traunreut hat er bisher besucht. Diverse Moden hat Jahn ausgespart, unter anderem das Wachstum zur Großgalerie. So überschaubar seine im 2. Stock gelegene Galerie geblieben ist, so gemäßigt sind auch die Formate, die er für fein komponierte Ausstellungen zusammenstellt. Jahn beeindruckt nicht mit Quadratmetern, sondern lieber mit künstlerisch hochwertigen Arbeiten auf Papier.

 

 

Galerist, der Gedrucktes schätzt

Seit der Gründung seiner eigenen Galerie im Jahr 1978 entwickelten sich Zeichnungen und Arbeiten auf Papier zum Dreh- und Angelpunkt seiner Tätigkeit. Dabei ist er Künstlern wie Gerhard Richter, Georg Baselitz und Hermann Nitsch, deren druckgraphische Werke er in großem Umfang verlegt hat, besonders verbunden. Die meisten Ausstellungen, die Fred Jahn organisiert, wurden von publizistischen Aktivitäten begleitet; in seinem Verlag ist eine Vielzahl an Katalogen erschienen - von Isa Genzken über Arnulf Rainer bis zu Bob Wilson. Im letzten Jahr zählte die Ausstellung mit neuen Bildern und Aquarellen von Karin Kneffel, „Ich muss eine Wand hinter mir haben“, sicher zu den Höhepunkten. Die Ausstellungen, Le Va, Sandback, Taylor, Bildhauer-Zeichnungen 2.5.2013 - 15.6.2013 und Norbert Tadeusz, Bozzetti und Kleinskulpturen 27.6.2013 - 27.7.2013 stehen bevor.

„Ich habe versucht, nicht in eine gigantische Struktur hineinzugeraten“, bekennt Jahn. Deshalb war auch das Abenteuer Amerika, das aus der Partnerschaft mit Heiner Friedrich erwuchs, irgendwann beendet. In den 1980er- bis Anfang der neunziger Jahre unterhielt Jahn zusätzlich zu seinen Münchner Räumen ein Loft in New York, vorwiegend um Joint Ventures mit anderen Galerien zu betreuen.

Früh hat sich Jahn auf die Herausgabe von Editionen und Werkverzeichnisse spezialisiert. Die Leidenschaft für Editionen reicht bis in die sechziger Jahre zurück. Schon 1968 erschien (im Verlag des Physikers Gernot von Pape) die „Edition X“, 1969 die erste Richter-Mappe. Die beiden Bände über die Druckgraphik von Georg Baselitz bis 1984 sind sein erstes Werkverzeichnis. Gleich darauf fallen die Namen Palermo und Gerhard Richter, dessen erstes Verzeichnis der Editionen auf Jahns Konto geht. Es sind Künstler, die der Galerist auch selber sammelte. Mitte der siebziger Jahre verkaufte er seine Bestände an das Museum Morsbroich in Leverkusen.

Fred Jahn fand zudem Zeit, seine kunsthistorische Kennerschaft schreibend zu erweitern. Zahlreiche Monographien über afrikanische Stammeskunst und japanische Keramik stammen von ihm, der, was wenig bekannt ist, über zwei Jahrzehnte eine eigene Galerie für angewandte Kunst betrieb. Seine wichtigste Tat in jüngerer Zeit war die Einführung der Sektion Papierarbeiten 2011 auf der Cologne Fine Art & Antiques.

 

eiskellerberg.tv sprach mit Fred Jahn über die nicht immer ganz so „Goldenen Jahre“ und die nicht ganz so rostige Zukunft.

 

 

Besonderer Dank an ZADIK (Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels e. V.)

 

 

 

26.04.2013 09:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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