Survival of the Selfittest

Mit Ego Update öffnet Alain Bieber das neue NRW-Forum

Nun ist es raus. Der Express brachte es auf der Titelseite: „Mehr Tote bei Selfies als durch Hai-Angriffe“. Was wir nie zusammendachten, die lustigen Selfies und die blutrünstigen Haie, wird zu einer doppelten Bedrohung: Allein in diesem Jahr 20 Tote: „Zwölf Fotografen starben bisher durch den letzten Druck auf den Auslöser, acht durch Haiangriffe.“ Wobei offen bleibt, ob es sich bei den acht Hai-Toten um Fotografen oder um unvorsichtige Schwimmer handelte.

 

Der häufigste Grund jedenfalls, warum Menschen beim Selfie-Machen sterben, ist laut Express „ihre Unaufmerksamkeit". Allein vier der zwölf Opfer starben durch einen Sturz. Der zweithäufigste Grund: Die Fotografen wurden von einem Zug erwischt. "Etwa, weil der Knipser versuchte, den Zug mit auf das Foto zu bekommen.“

Das ist insoweit aufschlußreich, als hier eine besondere Eitelkeit erfasst wird, die die Selfie-Junkies umtreibt: Ihre Todessehnsucht.

 

Entfacht und getrieben von einem schier unstillbaren Mitteilungsbedürfnis, das sich wie Gas oder eine schnell entzündbare Flüssigkeit ausbreitet, werden die lustigen oder nur peinlichen, haarsträubenden, entblößenden Selfies verbreitet. Was bleibt dem selbstverloren Selbst schon, als sich an den Grenzen der eigenen Rest-Existenz auszuprobieren und auszutoben? Sekunden vor dem Aufprall mit dem Schnellzug wird es in seiner ganzen Verlorenheit mit einem letzten Klick erfasst.

 

Mit dem Rücken zur Wirklichkeit lebt es sich seit jeher gefährlich. Nur wer sich noch immer nicht daran gewöhnt hat, dem wird dabei schwindelig. Zum Beispiel Ontheroof. Das Künstlerduo (Vitaliy Raskalov und Vadim Makhorov, unverbrüchlich aus der Ukraine und Russland) klettert seit fünf Jahren auf die steilsten Dächer und höchsten Spitzen der Wolkenkratzer in Amerika, Hongkong, Singapur oder auf den Kölner Dom, um uns vor den gähnenden Abgründen ein Selfie zu hinterlassen.

Dabei tritt der Hintergrund als gähnender Abgrund außnahmsweise in den Mittelpunkt und die hoffentlich schwindelfreien Klettermaxe sind nur noch an den Tunschuhspitzen zu erkennen.

 

 

Turnschuh sein wachsam. Ontheroof sucht die Einsamkeit der Hochhausgipfel

 

So mag es ein Verdienst der bisher weltgrößten Selfie-Schau im NRW-Forum Düsseldorf sein, uns grinsenden Vordergrund und mitreißenden Hintergrund in einem Atemzug vor Augen zu führen. Gleich im Titel der Ausstellungstourdeforce kommt zur Sprache, worum es sich in der weltweiten Selfomanie schließlich dreht: das EGO. Die Erweiterung, das allmähliche Diffundieren oder schon rapide Verschmelzen der Identität im und mit dem Netz. Das alte Kind Ego wird hier in seiner vorläufig letzten Update-Version vorgestellt - und das keineswegs als der blanke Horror oder als Krisensymtom.

 

„Es wächst ein neues soziales Monster heran, das aus Egoismus, Misstrauen und Angst zusammengesetzt ist und gar nicht anders kann, als im anderen immer das Schlechteste zu vermuten. Und nichts, was man sagt, bedeutet noch, was es heißt“, warnte Frank Schirrmacher noch in seinem letzten Buch Ego. Das Spiel des Lebens. Selfies hatte Schirrmacher gar nicht auf dem Schirm. Wohl aber das Ego. Dieses three-letter-word hat es in der Tat in sich - gerade steht es vor seiner turbomäßigen Verwandlung zur „Mensch-Maschine-Mischwesen“ (Schirrmacher).  

Sich bei jeder X-Beliebigkeit zu brüsten und bestaunen zu lassen, mit einer Fingerspitze den touch-screens zu berühren, lächeln, auslösen, um sich in der Netzgemeinde milliardenfach mitzuteilen, das ist das neue Selbst-Erfindungsprogramm. Ob es am Ende zur völligen Selbstauflösung führt, Exitus statt Existenz, oder, wer weiß das schon, zu einer ganz neuen Form der Existenz wird? Das Selfie als Transormationsschlitten zu einen neuen Ego?

 

Danach fragt nicht zuletzt die Ausstellung, die (im Untertitel) schon mal „die Zukunft der digitalen Identität“ verheißt. Erst kommt sie munter, unbeschwert und aufgekratzt daher, ganz wie sich die allermeisten der minütlich millionenfach geposteten Selfies geben. Doch wagt Ego update auch einen Blick hinter die lusitgen Bildchen, will das Diabolische, Faustische in der Maske des Spielerisch-Heiteren oder des Verführerisch-Infantilen erkennen. Alain Bieber, der mit seiner ersten kuratorischen Arbeit, das Potential des Themas ausschöpfen will, versetzt uns in die schöne bunte Selfie-Ästhetik, um dann noch ein paar Fragen zu stellen, die alle Egos angehen.

Die Fotos von Arvida Byström, Oliver Sieber, Kim Asendorf, Evan Baden, Kurt Caviezel und Robbie Cooper hinterlassen bei allem Hang zur Pose und spielerischen Selbstausstellung eine Leere: Das Leben dauert nur solange wie der Klick.

 

Gegen den Tod hilft da nur das nächste Selfie und die Hoffnung auf Unsterblichkeit im Netz. Die Weisheit des neue Selfie-Egos lautet: Ich bin im Netz, also bin ich. Deshalb gehört zum Selfie das Posten, das permanente Kursieren im Netz. Daniel Rubinstein, der bekannte Londoner Medientheoretiker, begreift das Selfie entsprechend als das erste Kunstwerk des Netzzeitalters. Es bringt auch eine neue Ethik mit sich, in der das Teilen und die Unentschiedenheit in den Vordergrund treten. „Das Selfie eröffnet einen Diskurs über das Selbst und die Fotografie… der eine Auseinandersetzung mit den Kräften des Netzwerks anregt, die in einer Vielzahl von Fragmenten ihren Ausdruck finden und die zusammen genommen das Geschenk des Selfies ausmachen“, schreibt er in Gift of the Selfie, einem der aufschlußreichen Beiträge des Ausstellungskatalogs.

Ob Geschenk, eigenes visuelles Genre (Jerry Saltz), Kunstwerk oder Fotomüll, das genaue Hinsehen lohnt sich. Das Lesen im Katalog obendrein. Auf 180 Textseiten bietet er eine exzellente Einführung in die internationale Selfieologie.

 

Ganz oben. Duo-Selfie vor Traumkulisse

 

Wer tiefer in die Abgründe der schönen neuen Selfie-Welt eindringen will, dem sei das Filmprogramm in der Ausstellung (in sommerlichen Liegestühlen dargeboten) wärmstens zu empfehlen. Schon der Eröffnungsfilm WorldBrain von Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon zieht einem 70 Minuten lang die Schuhe und Scheuklappen aus. Mit welchen Methoden und welcher Macht das Netz unsere Zukunft bestimmt, wird hier in eindrucksvollen Bildern vorgestellt.

 

Alain Bieber hat gleich mit seiner ersten Ausstellung dem NRW Forum ein Update verpasst. Das Massenphänomen Selfie greift er auf, läßt es in seiner Seifenblasenwelt munter durch die Museumsräume wabern, um nach dem existenziellen Kern zu fragen: Wie greift das digitale, technologische Weltgeschehen in die menschliche Identität ein, und was für eine Gesellschaft wird dabei entstehen? Wie werden unsere Identitätsvorstellungen und Wünsche durch die digitale Kommunikation geprägt oder erst erschaffen?

 

Das Netz kann uns weit tragen, es nimmt uns dafür gefangen. Umso mehr, als wir nicht wissen, wer wir sind.

 

C. F. Schröer  

 

 

Filmprogramm zur Ausstellung

 

Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon: WorldBrain, F, 2015 - bis 11.10.

12.10. bis 25.10. Janez Janša: My name is Janez Janša, SI, 2012

26.10. bis 08.11. Nicolas Ritter: The Cloud, D, 2015

09.11. bis 22.11. Stéphane Carrel: Das Selbstporträt im Zeitalter der Selfies, F, 2015

23.11. bis 06.12. Der Blick zurück nach vorn. Videokunst aus dem Archiv des imai

07.12.2015 bis 03.01.2016 Charlie Brooker: White Christmas (Black Mirror), 2014

04.01. bis 17.01.2016 Lynn Hershman Leeson: Teknolust, USA, 2002

 

25.09.2015 08:14 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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