Heine Preis für einen Unbeugsamen

Leoluca Orlando nimmt die Auszeichnung entgegen. Michael Kortländer hat die Städtepartnerschaft Düsseldorf/Palermo angestiftet

Kämpft beharrlich für eine zivile Gesellschaft. Leoluca Orlando

 

Zum Flüchtlingsstreit schreibt Der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe „Seehofer ist wie eine Zwiebel, man muß ein bisschen Geduld haben, aber dann schält man sich zum Kern vor und der heißt Merkel.“

 

Liebe Kollegen aus Hamburg, eine Zwiebel ist eine „ausdauernde krautartige Pflanze“, wie uns die Botaniker lehren, hat aber keinen Kern. Was will uns der Spiegel also mit dem schiefen Bild sagen? Seehofer habe keinen Kern, oder Merkel ist gar kein Kern?

 

Ein Politiker mit Kern ist zweifellos Leoluca Orlando. Als er am Morgen nach der Wahl, die ihn am 11. Juni 2017 zum fünften Mal zum Bürgermeister von Palermo gemacht hatte, eilt er zum Hafen. Ein Schiff mit 724 Flüchtlingen hat dort angelegt. Das Stadtoberhaupt heißt sie persönlich willkommen. Denn das ist das Ziel jenes „Weges in die Normalität“, den sich Leoluca Orlando mit seiner Stadt vorgenommen hat. Als er 1985 zum ersten Mal an ihre Spitze der Hauptstadt des Verbrechens gewählt wurde, 250 Mafiamorde sind im Jahr zu beklagen, will er Palermo zur Hauptstadt des Willkommens und der Kultur machen – offen, bunt, multiethnisch, multireligiös, wie sie das in ihrer Blütezeit, unter den Normannen und Staufern gewesen sei. Orlando arbeitete ab1978 als juristischer Berater der Mittelmeerländer in der OSZE in Paris und zugleich für den Präsidenten der Region Sizilien, Piersanti Mattarella, ein Bruder des heutigen italienischen Staatspräsidenten, bis dieser 1980 von der Mafia ermordet wurde. Orlando ging daraufhin in die Politik.

 

Sein bislang nur in Deutsch und Englisch erschienenes Buch „Ich sollte der Nächste sein. Zivilcourage – die Chance gegen Korruption und Terror“ zeugt von der unbeugsamen Überzeugung, dass der Kampf gegen Mafia und Korruption nicht nur eine Aufgabe für Polizei und Staatsanwälte ist. Es sei eine kulturelle Aufgabe, die nur bewältigt werden könne, wenn die ganze Bevölkerung mitmacht. Denn die Mafia korrumpiere positive kulturelle Werte wie Ehre, Familie und Freundschaft, indem sie im Namen dieser Werte töte. „Der islamische Terrorismus ist für die islamische Kultur, wie die sizilianische Mafia für die sizilianische Kultur."

 

Nach Ansicht von Orlando (geb. am 1. August 1947 in Palermo), der u.a. in Heidelberg Jura studierte und deutsch spricht, bemächtige sich das Verbrechen der Werte einer Kultur, raube sie den Menschen und verkehre sie ins Gegenteil. Sein Rezept ist es, die Bürger zu ermutigen, sich ihre Werte und ihre Kultur zurück zu erkämpfen. Er erzählt, wie nach den Mafia-Morden an den Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borsellino sein Name als Nächster auf der Todesliste auftaucht. Hunderte von Müttern aus Palermo gehen daraufhin zum Polizeichef und überbrachten ihm eine Liste mit den Namen ihrer Kinder. Die Mädchen und Jungen, sagten sie, sollten abwechselnd im Dienstwagen von Orlando mitfahren.

 

Nun wird Leoluca Orlando mit der Heinrich-Heine-Preis geehrt, der höchsten internationalen Auszeichnung, die die Landeshauptstadt Düsseldorf vergibt. Orlando, der sich auch als Schriftsteller äußert („Der sizilianische Karren“), wird den Preis am 13. Dezember, dem Geburtstag Heines, in Düsseldorf entgegen nehmen.

 

Wegen seines Kampfes gegen die organisierte Kriminalität ist Orlando an Leib und Leben bedroht und steht deshalb unter besonderm Personenschutz. Über viele Jahre galt er als höchstplaziert auf einer „Abschussliste“. Seine Beharrlichkeit bei der Bekämpfung von organisierter Kriminalität und Korruption vermochte schließlich die omertà, das Schweigen, ein passives, insgeheimes Einverständnis mit der Mafia, zu brechen. Im „Kampf der Frauen“ fand die omertà ihr Ende.

 

 

Ein Gruß aus der Partnerstadt Düsseldorf


Und dann faßte sich Michael Kortländer ein Herz, ging auf den neuen, eben erst zum Oberbürgermeister von Düsseldorf gewählten Thomas Geisel zu: „Fahren sie doch mit nach Palermo!“ Dort, in der Hauptstadt Siziliens, war gerade erst der „Gegenbesuch“ vom Stapel gegangen, der zweite Teil eines erst ein Jahr zuvor begründeten Künstleraustausches von Künstlern aus Palermo und Düsseldorf. Wieso Palermo? – Kortländer, 1953 in Münster geboren, Bildhauer mit Atelier auf Gut Selikon bei Neuss und über seine damalige Lebensgefährtin Miriam Koch bestens mit der Düsseldorfer Politik vertraut, hatte Wind von Geisels Plänen bekommen, nach dem erfolgreichen Wahlkampf sich und seiner Familie erst mal einen Urlaub auf Sizilien zu gönnen.

Geisel kam tatsächlich auf Stippvisite und Kortländer konnte ihm im Oktober 2014 in Palermo sein Lieblingsprojekt vorstellen: Der Verein Düsseldorf Palermo, erst 2013 gegründet, hatte auf einem ausgedienten Industriegelände im Westen Palermos eine leerstehende Fabrik ausgespinkst. Ein prima Platz für einen Ausstellungsraum.

 

Kortländer konnte auf Grund seiner lange gehegten Kontakte ein Treffen mit Bürgermeister Orlando vermitteln, der war erst 2012  mit 74 Prozent der Stimmen zum vierten Mal zum Bürgermeister von Palermo gewählt worden. Die beiden OBs verstanden sich auf Anhieb gut, es funkte. Geisel mit Frau Vera und ihren vier Töchtern trafen Orlando, der seine gesamte Dezernentenriege und die Direktoren aller Kulturdezernenten in seinem Amtssitz, die Villa Niscemi, um sich versammelt hatte. Die Düsseldorfer staunten nicht schlecht. Die OBs schlossen Freundschaft, die bis heute währt.

Ein knappes Jahr später besuchte Geisel Orlando ein zweites Mal, um die Städtepartnerschaft Düsseldorf –Palermo zu besiegeln. Auf den Straßen Palermos wurde gerade das fünftägige Fest der heiligen Rosalia gefeiert. Vor dem Festwagen mit den Reliquien der Santa Rosaria, im Volksmund liebevoll „la Santuzza“ genannt,schritten die Bürgermeister die Via Vittorio Emanuele vom Dom  hinunter bis zum Hafen, wo als Finale das große Feuerwerk abgefackelt wurde.     

 

Doppelter Blick. Michael Kortländer in der Ausstellung Katharina Sieverding im Haus der Kunst, Palermo

 

Prominentes Projekt der Städtepartnerschaft wird das „Haus der Kunst #1“ auf dem ehemals industriell genutzten Gelände der Cantieri Culturali alla Zisa. Palermo saniert die alte Möbelfabrik Ducrot auf dem neuen Kulturcampus und stellt sie dem Verein kostenfrei zur Verfügung, Düsseldorf leistet den Ausstellungsetat. Kortländer wird Ausstellungsleiter und Programmmacher.    

 

Am 15. Oktober 2016 kann dort die erste Ausstellung eröffnet werden. Zehn Künstler aus Düsseldorf treffen auf zehn aus Palermo - Felix Droese, Petra Fröhning, Jan Kolata, Birgit Jensen, Valerie Krause, Nina Brauhauser, Driss Ouadahi, Udo Dziersk, Stefanie Pürschler, Wanda Koller, Frank Hinrichs, Mira Sasse, Jan Holthoff, Giuseppe Agnello, Fulvio Di Piazza, Sergio Zavattieri, Riccardo Brugnone, Andrea Buglisi, Giuseppe Adamo, Andrea Stepkova, Daniele Notaro, Erika Giacalone, Dimitri Agnello, Valeria Prestigiacomo, Grazia Inserillo, Roberta Mazzola, Azzurra Messina und Giampiero Chirco.

 

Unterdessen hat sich Zisa zu einer Brutstätte für kreative Unruhe entwickelt, ein neues kulturelles Zentrum abseits der Touristenpfade, Anschluß der Kunstszene Palermos an die Kunstmetropolen in aller Welt. Traditionelle Theater haben sich hier ebenso angesiedelt wie das kommunlae Kino, ein Marionettentheater neben dem Tanzhaus, die Kunstakademie wie auch das Goethe-Institut oder das Institut Francais. Zehn Jahre hat Kortländer nun Zeit, das Kunsthaus so tief in Palermo zu verankern, daß es zu einer bleibenden Institution wird. Mit der Ausstellung von Katharina Sieverding, parallel zur Manifesta in Palermo, ist ihn ein „Türöffner“ gelungen. Alles kam und staunte, um die weltbekannte Düsseldorfer Künstlerin zu sehen.

Für die Zukunft strebt Kortländer einen “Perspektivwechsel“ an. Es lebe der erweiterte Kunstbegriff, auch so ein Exportschlager aus Düsseldorf. Literatur und Musik, auch die Elektronische, sollen neben der Bildenden Kunst mit ins erweiterte Programm. Heine kam nur bis Lucca. Da ist ihm was entgangen.     

 

Apropos Zwiebel: "Palermo e una cipolla" (Palermo ist eine Zwiebel) heißt der vielleicht  beste Palermo-Führer. Haut um Haut, Klischee und Klischee zieht der 1959 in Palermo gebürtige Autor Roberto Alajmo "seiner Stadt" vom Leib. Dabei öffnet er die Sinne für diese außergewöhnliche Hauptstadt Siziliens. Alajmo klammert bei seinen Schälungen und Streifzügen die Problemzonen der Stadt keineswegs aus. Beim Häuten legt immer neue neue Oberflächen frei. Auch das kann reizvoll sein. 

 

 

 

Redaktionelle Mitarbeit Benita Ortwein und Katrin Tetzlaff

 

 

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12.07.2018 15:28 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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