Hochwasserstandsmeldung

Zufall, Überfluss, Hochwasser | Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger im Arp Museum

„Trink oh Herz vom Überfluss der Zeit!”, so frohgemut und nichts ahnend hatte das Künstlerpaar Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger (in Anlehnung an Gottfried Keller) zu ihrer Hochwasserausstellung ins Arp Museum hoch über dem Rhein geladen. Während die beiden munteren Schweizer ihre erste große Museumsschau in Deutschland einrichteten, verkeilte sich drunten im Rheinstrom die „Waldhof”. Und weil es just an der Loreley geschah, erinnerte die Koinzidenz eher an einen anderen romantischen Dichter, an Heinrich Heine und seinen famosen Gedichtanfang: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten”.

 


 

So kam der Überfluss der Zeit in Form des Rheinhochwassers. Am 13. Januar trieb die „Waldhof” auf den ansteigenden Wassermassen schneller als gewöhnlich stromabwärts. Kurz vor besagter Biegung am Loreleyfelsen bekam der 110 Meter lange Frachter gefährliche Schlagseite, kenterte und legte sich quer zur Fahrrinne. Zwei Bootsleute fanden den Tod. An Bord rund 2400 Tonnen Schwefelsäure, die zum Überfluss in den Rhein verklappt wurden. 33 Tage lang stand der „Säuretanker Waldhof” im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit am Mittelrhein und auch weit drüber hinaus - doch oben auf der Museumshöhe nahm man von der nahen Schiffskatastrophe keine Notiz.

 

Stattdessen hoch gestimmt, leichte Kost für die schwindenden Besucherscharen des „Ausflugs-Museums” (Museumsdirektor Oliver Kornhoff). Also „wunderbar imaginierte Szenarien”, eine „höchst komplexe künstlerische Vorstellungswelt” voller „fantasievoller und miteinander verwobener Gebilde”, wie die Kuratorin der Schau, Jutta Mattern über die Schau im wahrscheinlich hochwassersichersten Museum des Rheinlands schreibt.

 




 

 

 

Weiter zieht uns die Überkopf-Rauminstallation stromabwärts: „Schließlich finden wir uns auf einer gewärmten Wasserbettfläche wieder, um dann durch unsere eigenen Bewegungen sanft geschaukelt in die eindrücklichen Bilder der raumgreifenden Videosequenzen mikrobiologischer Welten und Kleinstlebewesen des Rheinschlamms einzutauchen.”
Keine Bange: so sanft und niedlich ist die Kunst von Steiner/Lenzlinger dann auch wieder nicht. Nur weil diese Urenkel von Duchamp detailversessen arbeiten und liebevoll noch an den Kleinstteilchen ihrer absonderlichen wie abenteuerlichen Sammelsurien hängen, sind ihre ausladenden Environments keineswegs Öko-Deko und künstlerisch harmloses Schnickschnack. Auf ihre Weise haben sie das Paradiesgärtlein des unbekannten Rheinischen Meisters aus dem Mittelalter in unsere Zeit übersetzt. Das Museum auf der Höhe wäre demnach ein irdisches Paradies, die heilige Maria und die Heiligen müssen wir allerdings selber ersetzen, die Künstler, die Kuratoren und das Publikum. Unten im Tal die Fluten und die Felsenriffe.

 


 

 

 

 



Das Irdische Paradies aber ist voller Ambivalenzen: Hochwasser ist eine Naturkatastrophe, Hochwasser bringt fruchtbaren Boden und neues Wachstum. Wie das letzte Hochwasser die „Waldhof” zum Kentern brachte und es die Schwefelsäure derart schnell verdünnte, dass die Fische munter blieben. Schwamm drüber.

 

HOCHWASSER | Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger | Trink oh Herz vom Überfluss der Zeit!
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, 6. Februar bis 14. August 2011

 

alle Photographien: © 2011 Astrid Piethan

 

21.06.2011 11:35 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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