Am Abgrund blühen die seltenen Blumen

Nicola Costantino zeigt bei einem „Mahnmahl“ ihre verblüffende Verwandlungsfähigkeit

 

 

Von der Verwandlungsfähigkeit der Künstler ist allenthalben die Rede. Sei es als Selbstschutz und Überlebensstrategie im Sinne eines Mimikry oder als facettenreiches Spiel zur Verblüffung des Publikums. Nicola Costantino (*1964, lebt und arbeitet in Buenos Aires) betreibt den Rollentausch gerne an den Grenzen zum Abnormen, Anstößigen und Zumutbaren. Immer stehen Ihre ästhetisch aufgeladenen Bilder (sei es Fotografie, Film, Rauminszenierungen, Installationen oder Objekte) in einem Zusammenhang mit ihrer eigenen Biographie, jedoch in einer subtilen, oft rätselhaften literarischen und szenischen Überspitzung.

 

 

 „In Zaubers unsichtbarer Hand“

 

 

Die Ambivalenz ihres künstlerischen Tuns, macht sie spielerisch zum Thema ihrer beeindruckenden Werke. Ihre verblüffende Verwandlungsfähigkeit grenzt an die Krise der eigenen Identität. Im Gewand aufwendiger, artifizieller Inszenierungen läßt sie die Abgründe und Nachtseiten der eleganten Welt aufscheinen. Ihre Modeaccessoires (Schuhe, Handtaschen, Halsketten) aus der high fashion kreiert sie allerdings aus Menschenhaut. Tierkörper arrangiert sie zu appetitlichen, ornamentalen Skulpturen. Man fühlt sich hingerissen, angezogen und angewidert. Fasziniert sind wir von der außergewöhnlichen Könnerschaft und Perfektion ihrer Arbeit und doch erschrocken und empört über das, was wir da goutieren.

 

Ihr „Mahnmahl“ (Zur Läuterung gestürzter und noch nicht gestürzter Dictadores) trug ihr künstlerisches Konzept in Form eines Künstleressens auf die Spitze. Nicola Costantino war gleichzeitig in der Rolle der Köchin, der Gastgeberin und des Stargasts zu erleben. Sie wechselte mit bewundernswerter Leichtigkeit ihre Kostüme, ihre Mimik und Haltung - dass einem schwindelig werden konnte. Auch legte sie größten Wert auf eigene, ausgefallene Rezepte, wie auf die Zubereitung der Speisen selbst. Gaumenschmaus und Augenschmaus fielen verführerisch in eins. Ihr fotographischer Blick bezog sich wie selbstverständlich auf die optische Aufbereitung der Speisen und die Dekoration der Tafel.

Die gebratenen Stubenkücken (aus Massentierhaltung) zum Beispiel arrangierte sie zu einem skulpturalen Ornament, das sich über die gesamte Länge der Tafel erstreckte. Die Betrachter aber hatten in diesem Fall das zweifelhafte Vergnügen, die Hühnchenkette verspeisen zu dürfen.

 

 

C. F. Schröer

 

 


 

    

    

    

 

 

die Köchin, die Gastgeberin und der Stargast

 

    

  

 

die Photographien sind von Astrid Piethan, Köln (Vielen Dank)

 

 

 

 

 

Doppelgängerin

Nicola Costantino

 

Der Doppelgänger hat seine mythologischen Wurzeln in stillen Gewässern: Wir erkennen uns überall dort, wo wir unser Spiegelbild sehen. Der Spiegel gibt uns die Möglichkeit, uns selbst zu erkennen.

Das Doppelgängermotiv kennt man in der Literatur und im Film bereits seit langem, in der Romantik wurde es bei E.T.A. Hoffmann durch Medardus verkörpert, bei Stevenson durch Dr. Jekyll und bei Oscar Wilde durch Dorian Grey; heute findet es sich wieder in den Filmen Body Double (Der Tod kommt zweimal) von de Palma und in La double vie de Véronique von Kieslowski.

Der Doppelgänger bietet in der Psychoanalyse die Grundlage für das Konzept der Identifikation, wie es Freud definiert: Der Doppelgänger ist das Bedrohliche, das Fremde im Vertrauten, ewas, das man so gut kennt, dass es einem seltsam vorkommt und sogar Schrecken hervorrufen kann. Jung bezeichnete den Doppelgänger als Schatten, während der schwedische Dramatiker Strindberg erklärte, dass jemand, der seinen Doppelgänger sieht, sterben muss.

Das Nicola Artefakt existiert als Konsequenz meines Schaffens, seine Andersartigkeit bestätigt meine Identität.

Zwei Körper, nur eine Seele. Die beste Begegnung findet mit einem selbst statt; meine Doppelgängerin ist ein Gegenmittel zur Einsamkeit.

Meine Doppelgängerin ist mit mir identisch, aber nicht schwanger, sie interagiert mit meinem schwangeren Selbst. Sie ist scheinbar abgespalten vom Original und kann irgendwann zu etwas Bedrohlichem und Perversem werden.

Der Doppelgänger ist im Werk von José Luis Borges ein wichtiges Thema. Er schreibt: „Der andere, der Borges heisst, ist jener, dem Dinge geschehen. […] Es wäre übertrieben zu behaupten, dass unsere Beziehung feindselig ist; ich lebe, ich lasse mich weiterleben, damit Borges seine Literatur erfinden kann, und diese Literatur rechtfertigt mich.“ Borges Ansichten über seinen Doppelgänger änderten sich Jahre später. „Ich hasse ihn abgrundtief. Mit grosser Befriedigung stelle ich fest, dass er kaum sehen kann.“

Man kann sich gleichzeitig lieben und hassen und dabei nicht mehr als ein Opfer seiner selbst sein.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

10.01.2013 13:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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